Predigt Sonntag Judika 29.03.2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zum Sonntag Judika 29.3.2020

Der Predigttext zum Sonntag Judika im Hebräerbrief (Hebr 13,12-14) ist nur drei Verse kurz und kommt schnell zur Sache: „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“


Nach der Vorstellung der jüdischen Tradition ist das Blut der Ort des Lebens. Werden Tiere getötet, fließt ihr Blut zurück in die Erde. Besiegeln Menschen einen Bund fürs Leben, schließen sie „Blutsbrüderschaft“, das kennen wir ja von Winnetou und Old Shatterhand, aber auch in vielen anderen Kulturen war das verbreitet. Eine Erinnerung daran halten wir Christen beim Abendmahl lebendig, wenn wir nach den Einsetzungsworten aus dem Kelch symbolisch „das Blut des Neuen Bundes trinken“.

Jesus verkündete in Wort und eigener Person, dass das Reich Gottes und seine Liebe nahe seien. Das tat er in einer Zeit voller Gewalt, Ungerechtigkeiten und Unfrieden. Damit weckte er Hoffnung bei den einen und Ärger bei den anderen. Er wusste um die Gefahr, in die er sich gebracht hatte durch sein Reden und Handeln. Er hielt fest an dieser schlichten Wahrheit: Gott liebt diese Welt – in all ihrer Unvollkommenheit. Und Gott liebt diese Menschen – besonders die Kleinen, Armen, Schwachen. Dieses Reden und Handeln brachte Jesus ans Kreuz. Draußen vor „dem Tor“, auf Golgatha, dem Hinrichtungsplatz Jerusalems, starb er. Golgatha: ein Ort des Grauens! Gewalt, Schmerzen, Geschrei. Ein Ort, der so wenig dem göttlichen Schöpfungsplan entspricht wie jeder andere Kriegsschauplatz der Erde.

 

„Vor dem Tor“ – bis heute überziehen solche Orte die Welt mit ihrem Grauen: Ob Guantanamo, Syrien oder Jemen … Wo ist Gott? Warum tut er nichts? Das fragen viele. Dabei ahnen wir doch die Antwort: Gott ist da! Ist selbst mit draußen „vor dem Tor“. Weint mit den Opfern, teilt ihren Schmerz. Es gibt keinen Ort auf dieser Erde, an dem Gott nicht wäre. Viele haben das auch schon erlebt: Gott leidet mit und lässt niemanden allein, der ihn um Hilfe anfleht. Egal welcher Religion und Konfession.

Gott sagt zu dem, der um Hilfe bittet, nicht: „Zeige mir zuerst deine Taufurkunde!“ Und doch haben gläubige Christen sich zu allen Zeiten immer wieder an dem großen Geschenk der Taufe festhalten können. Nicht nur Martin Luther hat in Zeiten größter Not daran festgehalten: „Ich bin getauft!“ Warum? In Zeiten größter Not sei dreierlei besonders schlimm, haben mir Menschen erzählt: Zum einen die Einsamkeit. Zum anderen die Angst, um das eigene Leben und das der Nächsten. Und zum dritten das Gefühl: Ich kann nichts tun! Das trifft leider auch jetzt gerade mitten in unsere aktuelle Lebenssituation hinein.

 

Ein Leben ohne Leid gibt es nicht. Der Volksmund spricht nicht umsonst vom Päckchen, das jeder zu tragen hat. Das war wohl auch schon in der Zeit des Hebräerbriefs so. Er fordert seine Leserinnen und Leser auf: So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

 

Hier geht es um den Ernst der Nachfolge. In unserem Leben als Christen geht es einerseits darum, dass wir bewusst den Segen, der uns von Gott geschenkt wird, spüren. Diese Kraft, diese Liebe, dieses Leben aus Gottes Hand ist ein wundervolles Geschenk. Dankbar zu genießen, mit Freude zu leben – das dürfen wir, solange das eben geht.

Aber dann haben wir noch diese eine wichtige Aufgabe: auf die zu schauen, die „draußen“ sind. Und für diese Menschen Sorge zu tragen, wie wir das jetzt auch nach Kräften zu tun bemüht sind. Das ist nicht immer leicht, manchmal sogar sehr anstrengend. Doch wir alle können viel dazu und füreinander tun, nach unserer je eigenen Begabung und Kraft und im Wissen darum, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen, wie das der Hebräerbrief formuliert.

Dazu eine kleine Geschichte:

 Ein wohlhabender Tourist besichtigt ein Kloster. Ein Mönch zeigt ihm freundlich und fröhlich Kapelle und Refektorium, Kreuzgang und Bibliothek. Wo er denn wohne, so ganz privat, erkundigt sich der Tourist; und der Mönch zeigt ihm seine Zelle, sehr klein und sehr bescheiden eingerichtet. „Ja, aber …“, wundert sich der Tourist und fragt: „Wo haben Sie denn Ihre Sachen?“ – „Wo haben Sie Ihre Sachen?“, fragt der Mönch den Touristen. Seine Antwort: „Ich bin ja nur auf der Durchreise.“ – „Ich auch“, erwidert der Mönch.

 

So ist das. Daran lässt sich nicht rütteln: Wir sind alle nur „auf der Durchreise“ und haben hier „keine bleibende Stadt“. Doch solange wir unterwegs sind, dürfen wir dieses Leben voll ausschöpfen und unseren Teil dazu beitragen, dass auch andere leben können, und nicht außen vor bleiben müssen. Unser Leben ist Geschenk und Auftrag gleichermaßen. Möge Gott uns dabei und dazu segnen und uns gerade in dieser Zeit beistehen!

 Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

Predigt Sonntag Lätare 22.03.2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zum Sonntag Lätare 22.3.2020

Heute könnte schon Ostern sein. Nach den jahrhundertealten Regeln, mit denen der Ostertermin festgelegt wurde – der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang –, ist der 22. März der erste überhaupt mögliche Ostertermin. Heute könnte schon Ostern sein. Doch soweit sind wir dieses Jahr noch nicht. Und was an Ostern sein wird, ist angesichts Corona ebenfalls noch unklar.

 

Aber der heutige Sonntagsname Lätare soll trotzdem schon ein wenig Vorfreude mit sich bringen: Freue dich, heißt er auf deutsch. Die Mitte der Passionszeit ist überschritten. Das Osterfest rückt näher. Wer die Passionszeit in ihrem eigentlichen Sinne ernst nimmt und an sich heranlässt, dem kann sie lang werden, kann eine Durststrecke sein.

Da lädt der Sonntag Lätare zum Ausruhen und Krafttanken ein.

Durststrecken im Leben können unterschiedlich sein. Die zurückliegenden Sommerzeiten sind ein Beispiel dafür, Ermattung, Einsamkeit, Frustration bis hin zum Burn-Out sind weitere.

Auch der Prophet Jesaja kennt solche Durststrecken bereits zu seiner Zeit im 5. Jahrhundert vor Christus. Das jüdische Volk ist aus dem Exil in die Heimat zurückgekehrt, aber der Wiederaufbau fällt schwer.


Da hinein spricht Jesaja im Auftrag Gottes aufmunternde, zukunftsweisende Worte (Jes 66,10-14): Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

 

Geradezu mütterlich geborgen und behütet soll sich das weitere Leben also gestalten und entfalten lassen. Wohlstand und Frieden sollen die Heimgekehrten erleben dürfen. Gott will dafür sorgen und bereits in der momentanen Situation Trost und Halt geben.

 

Uns heute tut das auch gut, wenn wir wissen dürfen, dass Gott über alle Zeiten hinweg seine Menschen nicht im Stich lässt und auch uns nicht alleine lässt und in uns die Hoffnung auf eine bessere Zukunft stärken will. Vertrauen wir – auch gegen den Schein – darauf, dass auch für uns wieder andere Zeiten anbrechen werden - ob bereits zu Ostern oder erst später…die vorösterliche Passionszeit nimmt uns ja hinein in das tiefe Tal, das der Sohn Gottes beschritten hat. Aber er hat es auch erfolgreich durchschritten. Er ist stärker als Leid und Tod. Das mag uns Trost und Hoffnung für uns selbst geben in dieser schweren Zeit.

 

Heute ist noch nicht Ostern. Aber wir können darauf vertrauen, dass wir jeden Tag bereits im österlichen Licht leben – auch dann, ja erst recht dann, wenn alles düster erscheint. 

Amen

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

Predigt Sonntag Okuli 15.03.2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Predigtimpuls zu Lukas 9,57–62 zum Sonntag Okuli 15.3.2020

Manchen Dingen muß man ins Auge sehen anstatt sich abzuwenden oder abzulenken – obwohl wir oft gerade dies tun. Wir richten die Sinne auf Angenehmeres, Leichteres und Schöneres, und schieben damit auf, was eigentlich gerade nötig wäre. Vielleicht hat man zu lange die Ernsthaftigkeit der momentanen Coronagefährdung vor sich hergeschoben, vielleicht wusste man es auch tatsächlich nicht besser oder es haperte an den umständlichen Behördenwegen. Wie auch immer: jetzt müssen wir dem, was vor uns liegt, ins Auge sehen und den bestmöglichen Umgang damit finden.

Im Lukasevangelium wird in Kapitel 9, 57-62 auch ein kritischer Blick auf das Verhalten von Menschen geworfen, die sich Jesus zur Nachfolge antragen. Und der schaut genau hin und findet auch sehr deutliche und ablehnende Worte. Die münden in den abschließenden Satz: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Jeder Mensch mag seinen eigenen Hintergrund, seine eigenen Beweggründe haben, wie er dann seine Gegenwart und Zukunft gestalten möchte. Aber sind diese Gründe und was mit ihnen verbunden ist, auch hinreichend genug, um damit weiterzugehen oder muß nicht auch mal völlig neu der nächste Schritt angesetzt werden?

In unserem Abschnitt aus dem Lukasevangelium geht es um das Mitgehen auf dem Weg Jesu Christi. Das kann einschneidende Konsequenzen haben. Vorher noch schnell was anderes tun, damit nichts Unerledigtes zurückbleibt? Noch einen Aufschub gewährt bekommen, weil man doch noch nicht ganz soweit ist? Abschied von Liebgewonnenem nehmen mit einer ungewissen Aussicht auf das Kommende? Auf diese Fragen würde Jesus wahrscheinlich antworten: „Jetzt oder nie! Entscheide dich! Sieh nicht zurück auf das, was du hinter dir lässt, sondern dahin, wohin dein weiterer Weg dich führt.“

Oder eben mit dem Bild des Pflügens. In der Zeit der reinen Handarbeit auf den Feldern ein einleuchtender Vergleich. Heute wäre wohl eher ein Bild aus der häuslichen Gartenpflege angebracht: Jeden, der auch nur einen Rasenmäher geschoben hat und dabei mal über die Schulter geschaut hat, überzeugt die Korrektur der Perspektive sofort. Konzentrier dich, guck nach vorne, sonst sieht dein Leben so aus wie dein Rasen: wilde Bahnen kreuz und quer ohne erkennbares Muster. Eiere nicht durch dein Leben, sondern: Augen geradeaus, wenn es was werden soll. Das kann dann eben auch bedeuten, das hinter sich zu lassen, was einen daran hindert, das zu tun, was man selber wirklich will. Aber so extrem gedacht ist das auch nicht gerade das Patentrezept für ein glückliches und gelingendes Leben. Zumindest nicht vorstellbar. Wichtig ist und bleibt der Blick fürs Wesentliche, meistens eben nach vorne. Und es bleibt festzuhalten: Das Leben in der Nachfolge unseres Herrn lässt sich nicht aufschieben, sondern einfach nur angehen und gestalten.

Gegenwärtig sind wir ganz ordentlich herausgefordert, aber auch dazu aufgefordert, ganz genau ins Hier und Jetzt, und erst recht auf das Morgen zu sehen und zu hören. Nicht nur wegen der täglich aktualisierten Warnmeldungen und weiteren Einschränkungen unseres normalen Lebens. Sondern gerade auch was das Gottvertrauen und die Verbundenheit mit unseren Mitmenschen angeht: durch immer weniger Nähe umso mehr Solidarität zeigen, hört sich zwar widersprüchlich an, scheint aber momentan das Richtige zu sein, wenn wir barmherzig mit unserem Nächsten umgehen und weitere Risiken vermeiden wollen.

Ich versuche, hoffnungsvoll in die noch weitere Zukunft zu blicken und freue mich darauf, eines Tages wieder zusammen mit Ihnen in unserer Kirche Gottesdienste feiern zu können. Und vieles andere mehr.

So Gott will.

Amen

Pfarrer ingo G. Walter

Ein PDF Ausdruck ist hier möglich

 

Ausgewählte Predigten

Teilweise zum Nachlesen als pdf oder zum Anhören als mp3.

31.10.201610 neue Thesen zur ReformationPfr. Michael Harrpdf
29.05.2016Predigt, Pfarrer Michael Harr1. Johannesbrief 4, 16-21pdf
30.08.2015Predigt, Pfarrer Michael HarrLukas 10,
25-37
mp3
23.08.2015Predigt, Pfarrer Michael HarrMarkus 7, 31-37pdf
01.02.2015Predigt, Pfarrer Michael HarrMatthäus 20,1-16mp3
25.12.2014Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag,
Pfr. Michael Harr
Lukas 2, 1-20pdf
20.01.2013Predigt, Pfr. Michael HarrJohannes 12, 34-41pdf
03.02.2013Gedanken einer KonfirmandinJeremia 20, 7-11apdf
12.08.2012Predigt am Israelsonntag, Pfr. Michael HarrJesaja 62, 6-12pdf
06.05.2012Predigt im ökumenischen Gottesdienst anlässlich des „Festes am Windrad“ im Festzelt am Windrad, Pfr. Michael HarrMatthäus 27, 24.25pdf
19.02.2012Predigt, Pfr. Michael HarrAmos 5, 21-24pdf
11.12.2011Predigt am 3. Advent, Pfr. Michael HarrRömer 15, 4-13pdf
31.07.2011Predigt, Pfr. Michael Harr5. Mose 5, 6-12pdf 
06.03.2011Predigt, Pfr. Michael HarrLukas 10, 38-42pdf 
09.01.2011Predigt, Pfr. Michael HarrMatthäus 4, 12-17pdf