Predigt am 2. Sonntag nach Ostern

Heute ist der sogenannte Hirtensonntag, auf Lateinisch „Miserikordias Domini“ = „Barmherzigkeit des Herrn“. Der Name bezieht sich auf Psalm 89,2: „Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich“, so die Lutherübersetzung. Gott ist gnädig und barmherzig – als der Gute Hirte. Er steht im Mittelpunkt des Textes aus dem Buch des Propheten Hesekiel Kap. 34:

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? 10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. 31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.


Von Hirten ist also die Rede, von Herde und bester Weide. Diese Bilder aus der Weidewirtschaft waren im alten Orient geläufig. In unserer modernen Welt sind sie eher fremd. Gemeint sind hier mit den Hirten die Könige, die ihrer Verantwortung nicht nachgekommen sind. Sie haben dazu beigetragen, das Volk auf einen Tiefpunkt seiner Geschichte zu führen.
Sie will er auf ihre Verantwortung gegenüber Gott und den ihnen Anvertrauten ansprechen. Zugleich will er die Menschen auf Gott als den besten Herrscher und Hirten hinweisen. Es soll ihr Trost sein, dass sie letzten Endes von ihm abhängig sind.
Waren im Hesekiel-Text Israels Könige gemeint, so sind das heute in unseren Breiten etwa Politiker, die in der Regierung krasse Fehlentscheidungen treffen oder sich vielleicht selbst bereichern. Dazu Wirtschaftsführer, die ruinöse Konzern- oder Firmenpolitik betreiben. Oder Banker, die mit ihrer Vorgehensweise ein ganzes Finanzsystem gefährden. Der Weheruf des Propheten könnte uns nun ermutigen, auf „die da oben“ zu schimpfen. Doch das wäre nicht ganz die richtige Reaktion.
 Denn gemeint sein können auch andere, die für viele oder wenige Verantwortung tragen: Vorgesetzte, Chefs in Firmen und Behörden, Lehrer und Erzieher in Schulen und Kitas, Trainer in Sportvereinen, Vermieter gegenüber ihren Mietern, Eltern gegenüber ihren Kindern und nicht selten auch längst erwachsene Kinder gegenüber ihren alt gewordenen Eltern.
Zwei Sätze charakterisieren, was Hirten tun oder lassen können. Der eine: „Einen Löwen interessiert es nicht, was die Schafe über ihn denken.“ Das ist selbstherrlich und arrogant. Bei Hesekiel heißt es dazu noch: „die sich selbst weiden“, also bereichern. Sie nutzen oder beuten Menschen aus, manchmal bis aufs Blut. Und der andere Spruch: „Ein guter Hirte schert seine Schafe, aber er zieht ihnen nicht das Fell über die Ohren.“ Das ist realistisch. Natürlich darf eine Führungsrolle auch Vorteile bringen. Aber die Verantwortung für das Wohl der „Schafe“ sollte an erster Stelle stehen.
Und Gott wird einmal alle zur Verantwortung ziehen. In der Geschichte gibt es viele Beispiele dafür, wie despotische Herrscher gescheitert sind. Verantwortungslosigkeit darf und wird nicht endlos währen.
Kehren wir noch einmal zum Bild des Guten Hirten zurück, so sind die ihm jeweils Anvertrauten mit dem Bild des Schafes nicht falsch bezeichnet. Wie sieht das nun aus, Gott als unser Hirte und wir seine Schafe?  Ein Blick auf andere biblische Texte bringt uns da weiter.
 Zuerst Psalm 23. Dieser Psalm gibt genau das wieder, was Hesekiel hier als Gottes Wort zur Sprache bringt. „Der Herr ist mein Hirte …“ Wir kennen diesen Psalm, vielleicht sogar auswendig. Seine Aussagen sind durchweg positiv. Zuerst macht der Beter deutlich, wie sehr Gott ihn leitet und ihm hilft. In bildhafter Sprache ist von „grüner Aue“, „frischem Wasser“ und „rechter Straße“ die Rede. Dann wird das Lied zum Gebet: „Denn du bist bei mir.“ Gott gewährt Gastfreundschaft. Und der Beter gelobt, zeitlebens Gott zu folgen, ihm die Treue zu halten. Können wir uns diesen Psalm zu eigen machen – also nicht nur auswendig, sondern auch inwendig?
Der andere Text ist aus dem Neuen Testament. Jesus Christus sagt in Joh 10 von sich: „Ich bin der gute Hirte …“ Nachdrücklich stellt er noch das Eigenschaftswort „gut“ dazu. Er kenne, sagt er, die Seinen, die Schafe. Und die Seinen kennen ihn. „Und ich lasse mein Leben für die Schafe.“ Der gute Hirte geht also bis zum Letzten, um sich für seine Herde einzusetzen. Das führt zu einem ähnlichen Bild aus dem Neuen Testament, wiederum aus dem Johannesevangelium.
Johannes der Täufer sagt über Jesus: „Das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ Hier ist Jesus in der Rolle des Opferlammes, nicht mehr des Hirten. Er gliedert sich da selbst ein in die Herde, solidarisiert sich mit uns.
Wir leben wir in der Nachfolge Jesu, unser Herr geht uns voran wie ein Hirte seiner Herde und ist selbst ein Teil davon. Kraftvoll und liebevoll kümmert er sich um uns. Und wir dürfen ihm vertrauen.
Und dann kann es unter uns Menschen versöhnlich und friedlich werden. Die Erfahrung, dass dieser Hirte hilft und tröstet, führt Menschen zueinander und schließt eine Gemeinde zusammen. Sie erfahren das Gefühl der Geborgenheit bei Gott und die Wärme des Glaubens.
In so einer Schafherde fühle ich mich wohl. Sie auch?

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zu Ostern 2021


Heute feiern wir – relativ still - Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu Christi von den Toten, das Fest des Lebens. Und trotzdem tragen wir noch so vieles mit uns herum – auch am Ostermorgen: Sehnsucht nach einem anderen, befreiteren Leben, Hoffnung auf Antworten zu den bedrängenden Fragen, die uns ständig begleiten. Und Wünsche haben wir: nach Glück, Geborgenheit, guten Beziehungen, Liebe, Frieden ... Aber vieles engt uns gerade auch ein. Und so suchen wir Auswege : Gerade an Ostern nicht nur ein bisschen Erinnerung an den einfachen Kinderglauben, sondern wirklich Mut zu neuen, anderen Schritten, wenn wir in die alten Verhältnisse des gewohnten Alltags zurückkehren wollen. Und Freude an einem Leben, das nicht mehr verstellt ist durch die Angst vor der Zukunft und vor dem Tod.
Mit solchen Gedanken hören wir das Evangelium zum Ostersonntag. Als eine Geschichte, in der wir uns auch wiederfinden können. Als eine Geschichte von den gewohnten Wegen des Lebens, die an einem Grab enden. Nein – eben nicht enden, sondern ganz überraschend neu beginnen.


Mt 28, 1-10: 1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria von Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn der Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern, dass er auferstanden ist von den Toten. Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. 9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.


Gegensätzlicher kann es kaum sein, was da aufeinander trifft: ein Erdbeben – und keine Katastrophe geschieht, ganz im Gegenteil. Menschen erschrecken zu Tode – im Angesicht des Lebens. Die Frauen, noch von Trauer und Furcht ergriffen, werden zu Botschafterinnen der denkbar freudigsten Nachricht, die es nur geben kann. Vom Ort des Todes kommen sie und der auferstandene, lebendige Herr kommt ihnen entgegen.

Da trifft unsere menschliche Furcht auf die Freude Gottes.
Da trifft unsere Last endlich auf die Befreiung. Da gibt es eine Menge, das noch schwer auf uns liegt und uns am Freuen hindern will. Doch mit Ostern bleibt das Gegensätzliche nicht einfach nur nebeneinander stehen. Dem Tod ist die Macht genommen! Das Leben triumphiert! Jesus ist der Herr des Lebens! Das muss uns immer wieder neu gesagt werden. Das deckt sich schließlich nicht mit der Erfahrung, die wir in dieser Welt machen. Das wird erst Erfahrung, wenn das Göttliche in unsere Welt hereinbricht, wenn wir dem Auferstandenen begegnen und darauf hören, was er uns zu sagen hat.

Die Botschaft Jesu zur Auferstehung will uns sagen: mitten in eurem Alltag will ich euch begegnen. In der Tretmühle eurer alltäglichen Aufgaben, in den ständigen Anforderungen eures Berufs, im Leistungsdruck der Schule und da, wo ihr euch aneinander reibt in der Familie - da bin ich bei euch als der Lebendige und lebendig Machende. Da gibt es einen neuen Anfang mit ihm.
Und seine Nähe gibt uns die Kraft, seinen Schritten in unserem Alltag zu folgen und unseren Lebensweg im Glauben zu bewältigen. Seine Nähe gibt uns die Kraft unser Christsein in Alltag, Beruf, Schule und Familie zu leben. Das ist unser Galiläa. Da hinein kommt Jesus als der Auferstandene, der Lebendige und lebendig Machende. Martin Luther hat dazu sogar gesagt: Bei uns Christen ist alle Tage Ostern, denn der auferstandene Herr ist in unserem Alltag da.
Sein Weg mit uns ist noch nicht zu Ende.
Am Anfang des neuen Wegs begegnet uns der Herr, der zu uns spricht: Sei gegrüßt! Fürchte dich nicht! Und an Ostern sprechen wir es uns gegenseitig zu: Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden.
Er lebt. Und auch wir - mit ihm und durch ihn. So können unsere Wege weitergehen.

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt am Karfreitag 2021


Schon immer haben Menschen versucht, ihr Schicksal zu deuten. Wenigstens an manchen Stellen eine Bedeutung zu finden für das, was geschehen ist. „Du musstest mir über den Weg laufen, damit wir zusammenfinden. Dich hat der Himmel geschickt.“ Da klingt das noch ganz gut - was aber ist mit dem elenden Leid, mit dem leidigen Elend?
 Und bei Jesus? Wie ist es da? Die Geschichte ist einfach. Da war ein Mann, der von Gott erzählt. Für die Schwachen stärkend, für die Starken schwächend. Für die Mächtigen einer, den man besser klein halten sollte. Das wurde ihm zum Verhängnis. Von den Oberen der Gotteslästerung angeklagt. In einem juristisch nicht ganz einwandfreien Verfahren wird kurzer Prozess gemacht. Hergeführt, verurteilt, abgeführt, vollstreckt. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Letzte menschliche Regung, dann Stille. Im Schatten des Kreuzes auf Golgatha. Das wars.
 
Und das wär‘s auch gewesen, wenn an dieser Stelle die Geschichte geendet hätte. Die Menschen unter dem Kreuz haben geweint. Manche waren vielleicht auch erleichtert, dass es endlich vorbei war. Je nachdem. Eine kurze Dunkelheit, vielleicht ein kleineres Beben, und dann war da nur noch das Grab.
 Und erst dort, am Grab, am dritten Tage bei Sonnenaufgang, in dem Moment des „Der Herr ist auferstanden!“ – erst ab da stellt sich die Frage sinnvoll: „Warum, wozu, was sollte das?“ Karfreitag hatten sich alle Sinnfragen erledigt. Aber Ostern stellt dann alles auf den Kopf. Der Sinn liegt nicht im Schmerz, sondern er liegt dahinter. Als klar ist: Der Herr ist auferstanden, Gott selbst hat ihn zum Leben erweckt; alles Leid dieser Welt, alle Grausamkeit, die man stellvertretend am Kreuz erblicken konnte, all das wurde wirklich durchlebt – aber ist jetzt fürwahr überwunden. Krankheit, Schmerzen, Missetaten. Das volle Programm. Erst aus der Osterperspektive ergibt sich ein annehmbarer Sinn. Der Sinn ist, dass das Leid überwunden wird. Und dann: der Neuanfang.
 
Ostern wird erst den Frauen und dann auch den Männern klar: Fürwahr, der Gekreuzigte, unser Herr Jesus, der hat das getan. Der hat das Leid überwunden. Und wir hatten schon gedacht, er wäre von Gott geplagt, geschlagen, gemartert und für immer verlassen worden. Und das, obwohl er doch eindeutig zu den Gerechten zu zählen war. Der Gerechte hat gelitten. So, wie es vorzeiten bereits der Prophet Jesaja geweissagt hat:
 
Jes 52,13-53,12
13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder, 15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.


53 1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.


Es ist immer ein Wagnis, einen Sinn zu suchen, zu erkennen oder anzunehmen. Dieses Wagnis sind die ersten und späteren Christen eingegangen. An Ostern damals zuerst und heute noch immer. Jesus ist nicht im Tod geblieben.
Das Paradoxe ist ja, dass manchmal erst einer unter die Räder kommen muss, bevor die Menschen zur Einsicht kommen. Sich dann selbst hinterfragen oder merken: Oh Gott, was haben wir getan? Wenn erkannt wird, dass gerade ein Gerechter leidet, kann so viel Energie frei werden, dass Menschen vor ihrer eigenen Bösartigkeit kapitulieren. Wenn einer von den Guten leidet, wenn einem Gerechten übel mitgespielt wird, ist das kaum zu ertragen. Leid ist nie schön, aber wenn es jemanden ohne Schuld und Makel trifft, noch unverständlicher. Das ist bei Jesus der Fall. Und einen Moment steht die Welt still. Und Gott, was ist mit dem? Gott lässt die Welt an Karfreitag einfach laufen, wie sie ist. In ihrer ganzen Brutalität. Aber auch in der Hoffnung auf das , was kommt.

O Gott, was haben wir getan? Der Blick in den Spiegel ist schmerzhaft, aber manchmal auch heilend. Dafür stellt sich Jesus zur Verfügung. Wer bei Jesaja in den Spiegel schaut, dem erwidert Jesus heute den Blick. Die Folgen der Missetaten treffen ihn. In ganz besonderer Weise. Die Menschen treiben es mit Jesus auf die Spitze – und er lässt es zu. Stellvertretend, als einer von uns. Es hätte jeden treffen können, aber Jesus ist nicht jeder. Er ist für uns der Auferstandene. Und da erschließt sich dann der Sinn: Wir alle müssen ja durchs Leid hindurch. So oder so. Aber der Auferstandene, der geht Karfreitag schon einmal stellvertretend für uns alle voran. Ostern entgegen. Denn da, da liegt der Sinn…

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zum Gründonnerstag 2021


Im Rahmen des alljährlich stattfindenden Passahfestes, dem Gedenken an die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, gibt Jesus seinen Jüngern zum Abschied noch Bedeutendes und Wegweisendes mit:
Der Evangelist Matthäus erzählt in Mt 26,17-30

17 Aber am ersten Tage der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und fragten: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? 18 Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passa feiern mit meinen Jüngern. 19 Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm.
20 Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. 21 Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich's? 23 Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24 Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch aweh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. 25 Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.
26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. 27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; 28 das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden29 Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von Neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. 30 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.


Schade, eigentlich: Nun ist die freudige Stimmung des Passah dahin. Keine Zurückhaltung um des lieben Friedens willen. Ein Tabu ist gebrochen. Der Verdacht ausgesprochen. Einer unter euch wird mich verraten. Jeder der Männer um Jesus fragt sofort: Bin ich’s? Interessanterweise hält sich jeder selbst für den möglichen Täter. Keiner seiner Jünger spricht sich frei davon. Jeder kennt seine dunklen Seiten. Betretendes Fragen und betroffene Gesichter.
Bin ich’s? Könnte ich es auch sein, der Jesus verrät, der andere entscheiden lassen will, ob es mit Jesus als Gottes Sohn seine Richtigkeit hat? Jeder hat sich selbst zu befragen und zu entscheiden.
Von Festtagsstimmung ist nun nichts mehr zu spüren. Jesus nimmt die Spannung der Situation und die Stimmung der Jünger auf und hält sich an dem gewohnten Rahmen der Passahliturgie fest, so wie dieses Fest schon immer begangen wird.
Aber er macht was Neues daraus, er gibt damit seinen Jüngern einen neuen Sinn und ein neues Verständnis. Jetzt, so möchte Jesus wohl sagen, wo wir wieder gefangen sind in Verstrickungen und Schuld, jetzt nehmt das Brot, das uns an die Befreiung aus der Gefangenschaft erinnern soll. Es ist mein Leib, der dahingegeben wird, damit ihr wieder frei werdet. Das Brot, das wir hier teilen und das uns an unseren Aufbruch aus der Gefangenschaft erinnert – das bin ich jetzt für euch. Immer, wenn ihr davon essen werdet, habt ihr Anteil an mir und an meiner Kraft. Und der kreisende Kelch soll euch daran erinnern, dass in den Lebensadern eurer Gemeinschaft mein Blut fließt. Immer dann, wenn ihr in meinem Namen zusammenkommt und aus einem Kelch trinkt, bin ich mitten unter euch. Aus dem Passahmahl wird unser Abendmahl, in dem Jesus selbst das Brot und das Blut des neuen Bundes ist.
Der angesagte Verrat kann Gottes Zukunft nicht stoppen. „Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes.“ Es gibt da also einen Tisch jenseits unserer menschlichen Vorstellungen, der uns einlädt, über gegenwärtige Spannungen und Urteile hinauszublicken. Einen Tisch, der für alle gedeckt ist, die sich fragen: „Bin ich’s?“. Die nicht ausweichen und Ungesagtes nicht unter den Tisch fallen lassen.
Am Ende der Feier steht der traditionelle Lobgesang, bevor sie aufbrechen und zum Ölberg gehen. Aber wie hat Jesus, wie haben die Jünger das hingekriegt, nach dieser abgesunkenen Stimmung noch einen Lobgesang anzustimmen? Manchmal, wenn es uns die Sprache verschlägt, hilft uns der Ritus, der uns etwas feiern lässt, was wir selbst noch gar nicht einlösen und mit lauter, überzeugter Stimme heraussingen können.
Das Innewerden Jesu selbst soll unsere Gegenwart verändern, mit neuer Kraft erfüllen. Es macht uns Mut, die Dinge beim Namen zu nennen, die ausgesprochen werden müssen, weil es danach noch einen Lobgesang gibt, in den wir alle erleichtert mit einstimmen sollen. Dazu hat Jesus seine Jünger und auch uns eingeladen.
Vielleicht gelingt es uns mit dieser Betrachtungsweise, unsere traditionellen, gewohnten Feiern zu Hause und in der Kirche – wann auch immer wir wieder zusammenkommen dürfen – neu zu sehen, zu schätzen und zu nutzen.
Gott gebe uns die Kraft dazu, durch Jesus Christus, seinen Sohn.
Amen.

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zu Hiob 19,19-27 an Judika 21.3.2021

In die Passionszeit hinein passt das Schicksal, die Geschichte, und auch der Trost und die Hoffnung Hiobs aus dem Alten Testament. Einen zentralen Abschnitt aus dem gleichnamigen Buch hören wir heute als Predigttext: Hiob 19,19-27

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? 23 Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Hiobs Geschichte ist der Teil einer viel größeren Geschichte. Sie klingt ein wenig wie ein Märchen, aber tatsächlich ist es unsere eigene Geschichte. Man hätte sie anhand unterschiedlicher Einzelschicksale auch noch ganz anders erzählen können, und doch immer wieder am gleichen Punkt ankommen.

Aber wie wir Menschen mit unserem Schwarzweißdenken halt so sind, begann man schon vor langer Zeit, sich Geschichten zu erzählen von erstaunlich gerechten Menschen, die alles taten, was Gott von ihnen wollte. Sie erzählten von einem Abraham, der für Gott sogar seinen Sohn geopfert hätte. Sie erzählten von unserem Hiob, der all seine Kinder, seinen Reichtum und seine Gesundheit verlor, weil der Teufel mit Gott um seine Treue gewettet hatte. Aber Gott gewann, denn Hiob hielt zu Gott. Er wurde gesund und reicher und kinderreicher als zuvor. 

Niemand interessierte sich mehr für Abrahams erschrockenen Sohn oder Hiobs tote Kinder. Niemand interessierte sich für die Frage, ob ein gerechter Richter uns Menschen überhaupt auf solche Proben stellen würde. Wichtig war nur der schier unglaubliche Gehorsam gegen Gott, auch wenn Hiob weinte und schrie und Gott anklagte. Denn dieser erschien ihm wie eine Mauer, gegen die er anrannte, bis Gott schließlich in all seiner Macht doch mit ihm sprach und ihn von seinem Leid erlöste.

 

Schon früher wussten Menschen darum, wie schrecklich es ist, wenn man krank ist oder seine Kinder verloren hat – und wenn andere einem dann noch die Schuld dafür geben. Wie furchtbar es ist, wenn man seine Unschuld beteuert und niemand einem glaubt. 

Dass das Leben ungerecht ist, weil es meistens den Schlechten gut und den Guten schlecht geht. Deshalb die bewährte Unterscheidung zwischen Gut und Böse, und sei es nur, um mit dem Finger drauf zu zeigen…eigentlich auch nicht „gut“…aber vielleicht eine Hilfe zur eigenen Herstellung von Gerechtigkeit.

Dass dann ein Jesus von Nazareth mit den sogenannten Bösen zu Abend aß, von der Vergebung Gottes predigte und sagte: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ – das sorgte für manche Ablehnung – bis hin zum letzten finalen Schritt….

Aber spätestens seit der Auferstehung Jesu Christi konnte auch ein neues Bewußtsein, ganz in seinem Sinne, erwachen, lebendig werden. 

Das, was elementar für unseren christlichen Glauben ist:

Nämlich zu begreifen, dass Gottes Haupttätigkeit die eines Erlösers ist. Er ist imstande, aus Bösem Gutes entstehen zu lassen, immer wieder, bis es eines Tages das Böse nicht mehr geben wird. Er lehrt Menschen, was Achtung und Vergebung ist. Auch wenn das quälend lange dauert, haben wir schon viel dazugelernt. Wir brauchen Richter für unser Zusammenleben, aber wir versuchen dafür zu sorgen, dass jedem Angeklagten zugehört wird. Wir haben die Todesstrafe abgeschafft und kämpfen gegen Folter. Wir versuchen, die Höllen von Gewalt und Unterdrückung auf der Welt zu schließen. Dafür müssen wir das Böse erkennen und beim Namen nennen. Zugleich ahnen wir aber, wie groß die Versuchung ist, andere für böse zu erklären, nur um sich selbst für gerecht und überlegen zu fühlen. Wir lernen, dass wir immer noch eine Menschheitsfamilie sind, die gut daran tut, sich nicht ständig in „Wir“ und „die Anderen“ zu zerteilen.

 

Deswegen stehen wir denen bei, denen Schlimmes widerfährt, egal wer sie sind. Wir leiden mit; und was wir nicht verstehen können, werden wir nicht letztgültig mit Gottes Zorn und Strafe erklären können. 

Wir können von Gott lernen. Denn er ist Erlöser von Beruf. Er ist weniger ein Richter als vielmehr der Anwalt des Lebens und des Zusammenlebens. Einer, der seine Menschheitsfamilie nach und nach lehrt, dass die Unterscheidung von Gut und Böse dazu dient, nicht das Schlechte beim anderen zu suchen, sondern das Gute bei sich selbst zu suchen und zu finden.

 

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zu Johannes 12,20-26 an Lätare 14.3.2021

Wer ist Jesus? Das ist eine Frage, die es in sich hat: Gottes Sohn, Menschensohn, Messias, Gesalbter, Erlöser, Heiland - die Begrifflichkeiten gehören verschiedenen Vorstellungswelten an. Darum ist mit jeder von ihnen auch nicht alles gesagt. Im heutigen Predigttext schlägt Johannes einen anderen, vorbildlichen Weg ein, diese Grundfrage des christlichen Glaubens zu beantworten. Einen Weg führt er uns, statt einen Begriff zu geben. Einen Weg, den wir mitgehen müssen, auch wenn er, aufs Erste betrachtet, gar nicht so schnurgerade zu sein scheint:

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Da kommen also „Griechen“ nach Jerusalem zum Fest. Sie sind religiös interessiert und motiviert, haben von Jesus gehört und wollen ihn kennenlernen. Was bringt er Neues? Wie lehrt er sie die alte Religion heute verstehen? Nun lässt der Evangelist sie aber nicht direkt auf Jesus treffen, sondern den Weg über die Jünger suchen. Erst zu Philippus, dann zu Andreas. Nur vermittelt kommt also die Bitte der religiös bewegten Griechen zu Jesus, und der tritt ihnen auch nicht persönlich gegenüber. Er scheint ihre Frage, wie man sich denn Jesus im Kontext der jüdischen Verehrung des einen Gottes vorstellen soll, indirekt zu beantworten, dafür umso grundsätzlicher. 

Dabei drückt er sich einigermaßen paradox aus. Der Menschensohn soll verherrlicht werden. Für zeitgenössische Ohren muss das so klingen: Jetzt beginnt die Endzeit – und Gott selbst wird dann allen erscheinen als der, der er wirklich und endgültig ist. 

Nun folgt das anschauliche Bild vom Weizenkorn. Aus dem einen Korn, das vergeht, werden viele neue Körner. Wenn wir das naturbezogene Bild nun in den Kontext der Rede vom Menschensohn stellen, verändert es sein Gesicht. Dann ist der Menschensohn, diese von Gott gesandte Endzeitgestalt, nicht der überweltliche Herrscher, sondern das vergehende, in die Erde gelegte Weizenkorn, das noch mehr aus sich hervorbringt. Durch Jesus, den Menschensohn, werden dann alle Menschen Gotteskinder. Das ist die Verherrlichung. 

Als wollte er diesen Gedanken noch einmal vertiefen, fährt Jesus fort, über sein eigenes Leben in dieser Welt zu sprechen. Niemand kann es erhalten, es muss vergehen. Wer sich an die Vergänglichkeit der Welt klammert, wird mit ihr zugrunde gehen. Nur wer sich gegen diesen Hang, sich auf die Welt zu verlassen, behauptet, wer also sein Leben auf einen anderen Grund hin ausrichtet, wird zum ewigen Leben gelangen. 

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Erst am Rande, am Ende des Lebens kommt heraus, was es ist. Dann entscheidet sich, worauf sich das Vertrauen im Leben gründete. „Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, soll mein Diener auch sein.“ 

Bei Jesus finden wir diesen Weg ins Leben, der mehr ist als ein Leben in dieser Welt. Ein Leben, nicht auf sich selbst bezogen, sondern „außer sich“. Außer sich – in Gott. Außer sich – für andere. Ein in doppeltem Sinn ex-zentrisches Leben. Wer Jesus dienen wird, den wird der Vater ehren. Das Leben, das nicht in sich stehenbleibt, weitet sich und gründet sich in Gott. 

Wer ist nun Jesus? Das kann man nicht in einfachen Formeln, Titeln und Begriffen sagen. Darauf kann man nur in Bezogenheit auf ihn und mit der Bewegung des eigenen Lebens antworten, mit einem Außer-sich-sein, mit einem Sein in Gott und im anderen Menschen. Da steckt eine Dynamik drin - eine Bewegung, die ganz von selbst andere Menschen berührt und sie bewegt, sie sozusagen außer sich sein lässt. Jesus selbst bringt uns auf diesen Weg.

In den Worten Martin Luthers gesagt: „Aus dem allen ergibt sich die Folgerung, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und seinem Nächsten. Aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und in göttlicher Liebe.“

 

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zu Epheser 5,1-9 am Sonntag Okuli 7.3.2021

Der heutige Bibeltext zur Predigt steht im Brief an die Epheser, Kap. 5. Für die Christen damals und dort ist es eine schwierige Zeit. Sie werden oft angefeindet und ausgelacht. Ihre Familien werden auf dem Markt oder bei der Arbeit benachteiligt. Zum normalen sozialen Leben gehören sie nicht mehr richtig dazu. Wie sollen sie sich verhalten? Ist es vielleicht sogar besser, sich anzupassen? Schwere Entscheidung! Sie sehnen sich nach jemandem, der ihnen sagt, wie es weitergeht. Denn Paulus, der Gründer der Gemeinde, ist nicht mehr am Leben. Da bekommen sie einen Brief. Geschrieben wohl von einem, der Paulus zu Lebzeiten nahegestanden hat.

So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei Euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung. Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst Euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams.
Darum seid nicht ihre Mitgenossen! Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.
Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
 
Wir wissen nicht, wie die Menschen damals in Ephesus diesen Brief aufgenommen haben.
Der biblische Text ist im ganzen Brief nur ein Teil eines sehr langen Abschnitts mit Anweisungen und Verhaltensregeln.
Der Verfasser formuliert sehr genau, was man als Christ tun und besser bleiben lassen sollte. Kleinlich, könnte man sagen. Sind wir denn nicht zur Freiheit befreit? (Gal 5,1) Außerdem: Die meisten der aufgezählten Laster gehören gar nicht zu unserem alltäglichen Leben:

Mit Unreinheit und Unzucht kann man schon dem Wort nach vielleicht nicht viel anfangen. Zu „Habsucht“ würden wir wohl heute eher „Gier“ sagen. Unsere Laster, wenn man sie denn so


nennen will, sind aber vielleicht die kleinen Notlügen, die leichter fallen als die Wahrheit. Die Angst, zu kurz zu kommen. Oder ein abgewendeter Blick, wenn man so tut, als hätte man den Bettler am Straßenrand gar nicht gesehen.
 
Ich denke, dass auch die Epheser damals sich nicht all dieser Vergehen im Einzelnen schuldig gemacht haben. Das Ganze soll doch eher noch ihrer Bestärkung in ihrer Standhaftigkeit dienen.
Der Briefschreiber macht zudem dafür einen unglaublichen Zuspruch. Fast schon ruft er es den Ephesern zu: Eure Hoffnung ist die beste der Welt! Ihr seid Gottes geliebte Kinder! Das ist die Basis, der Ausgangspunkt für alles Weitere.

Für die Epheser damals, für uns heute gilt: Ihr seid Gottes Kinder! Geliebt über alle Maßen!  Ahmt Gott nach als geliebte Kinder, wandelt in der Liebe. So wie Jesus Christus uns geliebt hat und dafür sogar in den Tod gegangen ist. Denn früher wart ihr Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts!
Es geht nicht darum, etwas Bestimmtes zu tun und etwas anderes zu lassen. Es geht nicht konkret um Verbote und Bestimmungen. Sondern um alle die Möglichkeiten, die wir als Gottes Kinder haben. Denn wir sind mit ihm und mit seinem Sohn verbunden. Jesus hat gelebt wie wir. Er hat gezeigt, wie es mit der Liebe geht. In seiner Gegenwart ist Licht innerhalb des Dunkels unserer Welt.
 
Ein Mensch, der im Licht Gottes und in der Liebe lebt, kann selbst zum Lichtbringer werden. Er zeigt mit seinem Leben, an wen er glaubt und wie er das im Alltag umsetzt. Denn die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Gottes Licht strahlt aus. Es erleuchtet die Umgebung. Oder ein Herz. Oder noch besser: viele Herzen.
 
Und so geschieht es damals wie heute in den verschiedensten Weltgegenden bei allen Menschen, die auf Gottes Wort hören und ihm folgen.

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt an Reminiszere 28.2.2021

Was erhofft man sich normalerweise von seinen Kindern? Na klar: ein gutes Miteinander, einen verlässlichen Glauben, einen guten Schulabschluss, eine Perspektive für die Zukunft. Aber was, wenn dann alles ganz anders kommt?
An solche Erwartungen musste ich denken, als ich mit einem familiären Blick den Predigttext Jesaja 5,1-7 gelesen habe


1 Wohlan, ich will meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. 3 Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! 4 Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? 5 Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. 6 Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. 7 Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.


Dieses Lied ist ein Bild. Ein Bild für das Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk. Ein Bild für die enttäuschte Liebe Gottes. Gott ist schlichtweg zornig und bitter enttäuscht: Was habe ich nicht alles für die meinen getan – und was ist das Ergebnis?
Jesaja zieht eine leider bittere Bilanz: Das Volk Gottes hat seinen Gott vergessen. Das Volk hat all die hohen Grundsätze eines Lebens nach Gottes Willen verlassen. Die soziale Verpflichtung der Volksgemeinschaft gegenüber den Schwachen hat vor Gott eine sehr große Bedeutung. Die Einhaltung des Rechts, das den Schwachen schützt, ist für Gott äußerst wichtig, so schreiben die Propheten immer wieder.
Aber jetzt: Gerechtigkeit? Fehlanzeige! So beschreibt Jesaja die Lage im Israel seiner Zeit in seinem Weinberglied: Rechtsbruch statt Rechtsspruch, Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit
Gott ist schwer enttäuscht, all seine Liebe, all seine Sorge, all seine Arbeit für sein Volk waren offensichtlich vergeblich und er reagiert allzu menschlich: Er will sein Volk schutzlos der Geschichte überlassen. Er will seine schützende Hand abziehen. Sollen die doch sehen, was sie davon haben!
Soweit mal Ende. Oder geht es doch noch weiter, und vor allem: wie sieht es heute damit aus? Hätte Gott auch heute Grund, enttäuscht zu sein über das Handeln der von ihm geliebten Menschen? Hat Gott auch heute Grund, seine Fürsorge aufzukündigen?
Da könnte man jetzt aufzählen, welche Fehler wir immer wieder machen, gerade im Verhalten gegenüber den Menschen, die angewiesen sind auf unsere Gerechtigkeit.
Man könnte dann aber auch all das aufzählen, was wir tun, um die Not der Welt zu lindern; wo wir überall mit viel Kraft und großem Einsatz Menschen helfen, die unsere Hilfe lebensnotwendig brauchen. Im Auftrage Gottes und in Verantwortung vor ihm.
Das Ergebnis: ein fragwürdiges Unentschieden? Ich weiß es nicht. Ich will es aber auch nicht beurteilen müssen. Vor Gott kann und will ich nicht aufrechnen. Aber manche Dinge stehen halt schon im Raum: Wir wissen, dass wir immer wieder schuldig werden vor dem, was Gott von uns will. Wir vertrauen aber darauf, dass uns Gottes Vergebung gilt. Wir vertrauen darauf, dass Gott seine Liebe zu uns eben nicht beendet. Davon hat Jesus Christus immer wieder erzählt. Mit seinen Predigten, mit seinen Gleichnissen.
Auch Paulus hat immer wieder davon geschrieben, dass wir Christen doch von der Gnade Gottes leben. Die Gnade, die Liebe, die Gott uns schenkt „ohn’ all mein Verdienst und Würdigkeit“, wie Martin Luther uns das geradezu ins Herz schreibt.
Als Christen vertrauen wir vor allem auf das Wort Jesu Christi: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ erstmal ohne jede Bedingung, ohne jeden Zusatz. Das soll unsere Zuversicht sein: Gottes Liebe begleitet uns und trägt uns und hält uns in aller Zeit und Ewigkeit! Darauf dürfen wir vertrauen – und daraus leben.

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zu Johannes 13,1-15 an Invokavit 21.2.2021

Zum Beginn der Passionszeit heute gehört eine interessante, wenn nicht sogar rätselhafte Geschichte aus dem Johannesevangelium. Der Evangelist Johannes erzählt, was Jesus am Abend vor seinem Tod, kurz vor der Feier des Abendmahls, gemacht hat:
Vor dem Passafest erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten … legte Jesus sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin‘s auch. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
Eigentlich ein einfaches Geschehen. Wenn da nicht zweierlei wäre, was die Dinge rätselhaft macht: die Erklärungen von Jesus und die Missverständnisse des Petrus. Jesus erklärt, was er tut. Muss er das? Versteht sich nicht von selbst, wie sich hier der Herr zum Diener macht? Rätselhaft sind hier die viel zu vielen Worte, die um ein einfaches Geschehen gemacht werden. Verständlich wird das erst, wenn man bedenkt, wer diese Geschichte zum ersten Mal hören und lesen durfte. Sehr fromme, sehr kluge und zugleich sehr eigenwillige Menschen, die sich nie sicher waren, ob Jesus wirklich der Sohn Gottes war und wozu man denn überhaupt einen Sohn Gottes braucht – ob Gott denn nicht reiche? Den Sohn Gottes, sagt ihnen Johannes, gibt es nicht, um Gott überflüssig zu machen; den Sohn Gottes gibt es, damit der Glaube an den gütigen Vater leichter wird. Freut euch, dass der Sohn Gottes nicht nur Herr, sondern auch Diener sein kann. Manchmal braucht man jemandem, der einem dient; der sogar ein Opfer bringt für dich, für euch. Dann wird das Leben leichter – und es fällt euch womöglich leichter, Ähnliches zu tun ohne Angst, etwas dabei zu verlieren.
Jesu Beispiel gehört unverkennbar in seine Zeit. Dort war es nichts Ungewöhnliches, wenn einem Gast zur Begrüßung die Füße gewaschen wurden als Zeichen der Wertschätzung. Zugleich sagt Jesus ja selbst: Ein Beispiel habe er gegeben. Ein Beispiel ist ein Zeichen. Es zeigt auf etwas Größeres als auf das, was gerade getan wird. Vermutlich hätte Jesus auch sagen können: Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr anderen die Wertschätzung erweist, die sie verdienen. Gewiss auch denen, von denen wir meinen, sie hätten es nicht verdient. Es geht hier nicht um unsere Meinung, sondern um die Wertschätzung Gottes, die er jedem Menschen zukommen lässt. Unter der Oberfläche des Geschehens ist also Wertschätzung verborgen; und die ist ein weites Feld. Ein so weites Feld, dass wir es in seiner ganzen Breite hier und heute gar nicht ausreichend bedenken können. Nur mit einem anderen Beispiel, das vielleicht unserer Zeit und unseren Gepflogenheiten etwas näherkommt. Ich meine das Verzeihen.
Wie viel, wie unendlich viel Zeit bringen Menschen zu mit Aufrechnen von Schuld und Fehlern. Eltern und Kinder, Großeltern und Eltern und Enkel, ehemalige Freunde im Verein, Nachbarn und Menschen, die einander nur kurz begegnen und sich schon in Schuld verstricken. Man vergisst oft so viele Wohltaten, die andere einem tun. Man vergisst aber äußerst selten das Übel, das einem ein anderer angeblich getan hat. Unfassbar viel Kraft wird darauf verwandt, an Vergeltung zu denken statt an Verzeihen. Geht das nicht auch anders? Doch – sollte es eigentlich. In der Tiefe der Geschichte von der Fußwaschung geht es um Wert, um unser aller unendlichen, nicht mit Gold aufzuwiegenden Wert. Im Geist dieses Wertes kommen wir als Gemeinschaft zusammen; selbst wenn, wie bei Jesu letztem Mahl, ein Verräter mit am Tisch sein sollte. Jesu größtes Zeichen zu Beginn des Mahls mit allen Jüngern ist es, selbst noch den Verräter wertzuschätzen und ihm einen Dienst zu erweisen. Jesus ist es sich wert; er ist sich nicht zu schade für den Dienst auch am Gegner.
Jesus soll es uns wert sein. Und wir sollen es uns wert sein, andere nicht nur in schönen Worten wertzuschätzen, sondern auch Zeichen des Ernstnehmens und des Respekts voreinander zu geben.
Auch wenn’s manchmal schwerfällt….

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zu 2.Petr 1,16-21 am Letzten Sonntag nach Epiphanias 31.1.2021

Seit Weihnachten richtet sich der Blick auf das Licht, das in die Dunkelheit der Welt gekommen ist. Das gibt uns heutzutage immer noch Hoffnung und Halt. Aber bereits in der frühen Christenheit kommen da auch manche Zweifel auf. Mit der damals erwarteten, aber zunächst ausbleibenden Wiederkunft Christi steht die Glaubwürdigkeit der Verkündigung und der Verkündiger selbst auf dem Spiel. Die christlichen Gemeinden müssen mit der Enttäuschung leben, dass Christus nicht so schnell wiederkommt, wie sie es erwarten. Der Verfasser des 2. Petrusbriefs möchte Jesu Christi Glaubwürdigkeit stärken, indem er seinen Brief als Vermächtnis des Apostels Petrus schreibt…
16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. 19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen. 20 Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist. 21 Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.
Hier schreibt einer, der Jesus persönlich gekannt haben will. Ob diese Verfasserangabe stimmt, sei mal dahingestellt. Aber er schreibt in der Herzenskraft eines Menschen, der sich selbst in seiner Überzeugung nicht beirren lässt und auch von den Ängsten seiner Gemeinde. Und die hatte wohl Angst, dass alles, was mit dem neuen Glauben zu tun hat, auf Märchen oder Fabeln beruht. Tut es nicht, schreibt dieser Petrus. Unsere Augen waren nahe bei ihm. Es stimmt alles so, wie es gesagt und an anderen Orten geschrieben ist.
Der Verfasser lebt in einer Gemeinde, in der die Menschen aufhören zu glauben, dass Jesus Christus wiederkommt. Es ist ja schon über hundert Jahre her, dass er unter den Menschen war. Die Christinnen und Christen der ersten und zweiten Generation rechnen zuerst damit, dass Jesus bald wiederkommen wird. So haben sie seine Worte verstanden. Je länger die Wiederkunft ausbleibt, desto schwerer fällt es, daran zu glauben, dass Jesus das Licht und der Retter der Welt ist.

Diese Entwicklung bereitet dem Verfasser des Petrusbriefs große Sorge. Jesu Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. So ruft er seine Erfahrung in Erinnerung, die Jesus unzweifelhaft als Licht der Welt zu erkennen gibt, nämlich die Verklärung auf dem Berg. Petrus hat es selbst miterlebt und ist daher ein glaubwürdiger Zeuge. Er hat ein Licht um Jesus gesehen, in dem keine Schatten, keine Dunkelheit, keine Finsternis mehr ist. Was davon erhalten bleibt, ist die Gewissheit, dass Jesu Licht mächtiger ist als alles Dunkle, das das irdische Leben auch bestimmt, dass sich alles Leben in diesem Licht vollendet.
Jesus ist nun nicht mehr unter den Menschen, aber an seiner Stelle haben die christlichen Gemeinden das Wort der Schrift, das vom Licht der Welt kündet als Orientierung und Halt in Unsicherheit und Verwirrung.

Wir sind heute ja noch viel weiter entfernt vom Geschehen wie Schreiber und Leser des 2. Petrusbriefs damals. Und fragen uns heute ebenso, was der Kern der Botschaft ist und warum wir daran glauben sollen. Die Antwort ist die gleiche wie bei Petrus, der etwa im Jahr 100 nach Jesus schrieb: Weil Jesus sowie seine Worte und Taten ein Licht sind an jedem dunklen Ort. Damit lässt es sich leben, getröstet leben. Das bezeugten schon viele Christinnen und Christen in der Geschichte der Kirche. Und da gab es nicht nur Glanzzeiten – ganz im Gegenteil. Aber sie lebten und überlebten auch in den dunkelsten Stunden in dieser Gewissheit.
Das mag uns heute in Zeiten von Corona und anderen lebensbedrohlichen Phänomenen in unserer alles anderen als friedlichen Welt Kraft geben, manches Dunkel zu durchschreiten und das Licht der Welt – Christus selbst - in uns und vor uns her zu tragen, damit es heller werden kann.

Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zum 3. So nach Epiphanias , 24.1. 2021 (Rut 1,1-19a)

Heute geht es im Predigttext um ein Einzelschicksal, konzentriert auf eine Frau namens Rut. Aus dem gleichnamigen Buch hören wir, was von ihr erzählt wird:
1 Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. Und Elimelech, Noomis Mann, starb und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4 Die nahmen moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5 starben auch die beiden, Machlon und Kiljon, sodass die Frau beide Söhne und ihren Mann überlebte. 6 Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und azog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der HERR sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7 Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8 sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der HERR tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9 Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10 und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11 Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12 Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einen Mann zu nehmen. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einen Mann nehmen und Söhne gebären würde, 13 wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch so lange einschließen und keinen Mann nehmen? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des HERRN Hand ist gegen mich gewesen. 14 Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber blieb bei ihr. 15 Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. 16 Rut antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. 18 Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19 So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.
Wie heißt es im Wochenspruch (Lk 13,29): „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“
Wie aber hört sich das dagegen an, diese Geschichte von Rut. Da kommt ja doch nur eine Einzelne, die hinzufindet zum Volk Gottes, zum Gott Israels. Eine Übriggebliebene. Eine, der ja auch irgendwie gar nichts anderes übrigblieb. Eine Witwe mit ausländischen Wurzeln.
Aber was dabei und für sie wichtig ist, sagt sie ihrer Schwiegermutter:: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“
 
Diese Rut öffnet uns mit ihrer Einstellung einen nochmal ganz anderen Blick auf das Reich und die Herrschaft Gottes: Es kommt nicht zuerst auf die Weite und Größe der Himmelsrichtungen an. Rut folgt dem Handlungsmuster der ganz Großen im Glauben. In deren Geschichten spielten Geschlecht, Volkszugehörigkeit und sozialer Status auch keine Rolle oder mussten aufgegeben werden. Stattdessen aber prekäre Existenz, Flucht und Heimatlosigkeit, oft auch so manche Gewalterfahrung an sich selbst. Aber das ist zugleich die Geschichte Gottes in der Realität dieser unserer Welt.
 
Bei Noah geht’s los mit der mitleidig belachten Ausrichtung für den Weitergang des Lebens – eine Arche mitten auf dem Festland. Ts ts…
Und mit Abraham findet sie die wohl prägnanteste Fortsetzung, der, wie Rut später, alles hinter sich lassend, in die Suche nach neuem Lebens- und Handlungsspielraum aufbricht; in eine zunächst völlig abwegige und aussichtslose Verheißung hinein. Aber gerade weil sich ein Abraham selbstlos aufgemacht hat, darum legt er den Grundstein dafür, dass die Verheißungen Gottes an ihm wahr geworden sind und wahr werden. Wäre Abraham nicht ins Nichts hinein aufgebrochen – wäre nichts weiter draus geworden.

Genauso bei Rut. Und die kommt sogar aus einer der vielen Himmelsrichtungen, aus einem fremden Volk daher, damit Gott seine Vision zur Wirklichkeit werden lassen kann.
Diese Menschen sind es, die sich dereinst aus allen Himmelsrichtungen sammeln werden: Die sich nicht für sich selbst aus Gottes Hand und ihren Nächsten heraus auf Platz 1 gekämpft haben, sondern die sich trotz allem Für und Wider in Gottes Hand hineinbegeben haben. Die sich von dieser Hand gehalten wussten und wissen gegen alle Rentabilitätsrechnungen der Welt. Die werden es sein, die eben genau so den Gott Israels und den Gott Jesu Christi bezeugen können vor der ganzen Welt. Unabhängig von den Grenzen der Ethnie, des Geschlechts, des sozialen Status.

Vielleicht eröffnet uns das eine neue Perspektive auf unsere Welt und die Menschen die darin und um uns herum leben, damit wir - auch mal ganz anders – mit ihnen und an ihnen dem Willen Gottes Raum und Gestalt geben können. Denken Sie doch mal daran bei den - vermutlich ja nur wenigen – Begegnungen in diesen Tagen.
Amen.

Pfarrer Ingo G. Walter

Ansprache zum besonderen Heiligabend 2020

Öfter mal was Neues – sagt man oft so dahin. In dieser Weihnachtszeit des Jahres 2020 müssen wir mit Neuem umgehen lernen, mit veränderten Rahmenbedingungen für das gesellschaftliche Leben, mit vielen Einschränkungen, sogar mit ohne Heiligabendgottesdienste zusammen als Gemeinde in oder vor der Kirche. Öfter mal was Neues – und alles ist ganz anders. Dieses Jahr wird vielen in Erinnerung bleiben, vielleicht sogar in die Geschichte eingehen, wie es das Geschehen vor über 2000 Jahren am ersten Weihnachten der Weltgeschichte auch getan hat.
Ohne großen Medienhype, wie wir ihn heute kennen und unsere Kinderkirche in ihrem Krippenspiel schön dargestellt hat, ganz einfach und bescheiden wurde in einem armseligen Stall ein Kind geboren,
welches dann später der Heiland der Welt sein soll, begabt durch Gottes Kraft und Geist, ja sogar sein eigener Sohn, zum Wohl von uns Menschen in diese Welt gesandt. Lange her, und doch immer noch aktuell!
Gott wird Mensch – als kleines Menschenkind, und später zeigt sich dadurch seine Zuwendung zu dieser Welt, zu uns Menschen, die wir in ihr leben. Damals schon eine wichtige Frage und heute erst recht: wie leben wir denn? Gehen wir verantwortlich miteinander um und sorgen nicht nur für das eigene Wohl? Zeigen wir auch Zuwendung zu den Menschen, die um uns sind? Gerade jetzt in dieser Coronazeit ist es wichtiger denn je, verantwortlich und fürsorglich miteinander unterwegs zu sein.
Da gibt es manches zu überlegen und zu überdenken, letztlich aber soll doch nach Gottes Willen alles dem Wohl der Menschen dienen.
Deshalb schickt Gott seinen Sohn in unsere Welt – damals im Stall von Bethlehem, und auch heute noch immer wieder wird das Wirken Gottes für uns in unserer Welt spürbar. Weisheit, Verstand, Erkenntnis, Stärke – all das bekommen wir von Gott, um auch durch schwierige Zeiten und Situationen hindurchzukommen. Er stellt sich an unsere Seite. Er verbindet sich mit uns durch sein Kommen in unsere Welt in einem kleinen Menschenkind. Das mag auch in diesem besonderen Jahr für uns Anlaß und Grund unserer Hoffnung auf eine neu anbrechende, bessere Zeit sein.
Wahrscheinlich kommt uns durch das fehlende Normale, durch die Entbehrungen und Einschränkungen der Kern des Weihnachtsgeschehens näher denn je. Mit der berechtigten Hoffnung auf den Heilbringer, den Erlöser, den Retter aus allem Ungemach. Durch ihn bekommen wir neue Kraft und Zuversicht für die vor uns liegende Zukunft.
Ich lade Sie ein, teilzunehmen und teilzuhaben an der Weihnachtsfreude, die uns alle Jahre wieder aufs Neue ergreifen und begleiten soll.
Lassen Sie uns doch daran denken, wenn wir auf Stern und Krippe und Christbaum schauen. Ob zuhause im Wohnzimmer oder – hoffentlich bald wieder – in unserer Martinskirche.
Weihnachten ist jetzt, und es geht noch weiter! Ich wünsche uns allen eine anhaltende Freude und Hoffnung im Herzen.

Frohe Weihnachten!    

Amen

Ihr

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

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Predigt zum Beginn der Adventszeit

Wenn früher – manchmal auch heute – ein Potentat seinen Einzug hielt, so wurde das meist mit einem gewaltigen Aufgebot an Machtzeichen und Stärke bekundet. Beeindruckend. Der mächtige Beherrscher selbst ritt, angetan mit Rüstung und Schwert, auf einem prächtig aufgezäumten Ross einher. Ganz anders die Töne, die ein Prophet namens Sacharja anstimmt, als er das Kommen eines besonderen Herrschers verheißt (Sach 9,9-10):

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. 10 Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

In Jesus, dem Wanderprediger und verheißenen Retter sehen die Menschen am Straßenrand „den, der da kommt im Namen des Herrn“ und rufen ihm ihr Hosianna zu: Hilf doch! Eine schillernde Bitte um Hilfe von dem, der da kommt, aber auch für den, der da kommt! Arm ist er und reitet auf einem Esel. Er kommt auf einem Esel, mit dem man keine Schlacht gewinnen kann, aber den Frieden? Eine Vorstellung, die alles auf den Kopf stellt.Er gibt ein Bild ab, das sich in die Herzen senkt und in die Hinterköpfe, das Hoffnung aufkeimen lässt, Hoffnung, die nicht von dieser Welt ist, schräg und vermessen: Die biblische Vorstellung vom ersehnten Retter zwingt beharrlich zum Umdenken. Die Kriegsbögen sollen zerbrochen werden, aber nicht mit Gewalt. Befreiung soll kommen, aber nicht im Kampf, sondern durch das Wort von der Liebe Gottes, das gehört wird und von der Tat, die diese Liebe weitergibt von Mensch zu Mensch.

So braucht Gott für seine Weltrettung Esel. Esel, über die wir zuweilen stöhnen, denen wir lieber aus dem Weg gehen, mit denen kein Staat zu machen ist. Es sind solche, die nicht locker lassen und beharrlich für eine Sache eintreten. Und vor diesem Hintergrund ist die Bezeichnung „Esel“ auch keine persönliche Beleidigung!

Noch heute versuchen die großen Mächtigen in der Welt, Länder und Macht zu erbeuten und in ihren Besitz zu nehmen. Nur, dass statt Pferd und Schwert jetzt Panzer, Bomben und Raketen die Städte verwüsten. So viele müssen fliehen, weil sie alles verloren haben, andere, weil ihr Boden nichts mehr hergibt zum Leben. Und sie fliehen, sie suchen ein neues Leben und stranden dann an den Grenzen Europas. An unseren Grenzen! Wie soll das weitergehen?

 Welcher Esel wird es wagen, das Bild des Friedenskönigs wieder wach werden zu lassen und uns daran erinnern, dass der Frieden nicht mit Krieg zu gewinnen ist, sondern ganz anders?

 Ob das wohl eine gute Adventsübung sein könnte: Gott immer wieder darum zu bitten, dass das Bild vom Friedenskönig auf dem Esel in uns lebendig wird und sich Raum schafft: Raum in uns und Raum durch uns – für unser Leben, für unser Miteinander und für eine Welt, in der die Grenzen sich wieder öffnen, in der eine Krise das Miteinander fördert und nicht das Gegeneinander schürt? Mir gefällt die Idee.

Möge es uns doch gelingen, diesen Friedenskönig in niedern Hüllen willkommen zu heißen.  

Amen

 

Ihr

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

Predigtimpuls zum Erntedankfest von Pfarrer Ingo G. Walter am 27.09.2020



Erntedankfeste, in denen Gott für den Erhalt des Lebens gedankt wird, gehören zu den ältesten Festen der Menschheit. In Israel hatten sowohl das Wochenfest als auch das Laubhüttenfest bereits Erntedankcharakter. Die geernteten Gaben werden dargebracht und dem Geber - Gott - dafür gedankt.
Die Geschichte von der Speisung einer vieltausendköpfigen Menge durch Jesus in Mk 8 kann auf ihre Weise auch mit Erntedankcharakter verstanden werden. Aus wenig wird durch Jesu Wirken viel, Hunger kann gestillt werden, Dankbarkeit für Gaben und Geber ist angesagt.
Wir werden alle satt aus der Hand Jesu – oder im Auftrag Jesu aus der Hand der Jünger. Besser noch könnten wir sagen: Wir werden alle satt aus Jesus selbst heraus. So lässt sich das wohl gut festhalten.
Auch wenn alles durch unsere menschlichen Hände geht, kommt doch alles her von Gott. Dass wir überhaupt satt werden ist schon das Wunder. Dass es Brot gibt für den Leib und Worte für die Seele ist ein Wunder. Dass der bei uns ist, der Himmel und Erde geschaffen hat und erhält. Dass wir Gott nie gleichgültig sind ist das Wunder. Wir müssen nicht wissen, „wie“ Gott das macht – es genügt schon, wenn wir darum wissen und mit dem Danken einfach nicht mehr aufhören.
Das Wunder von der Brotvermehrung aber sagt uns noch mehr: Es ist eine Gegengeschichte zur weitverbreiteten menschlichen Angst, zu kurz zu kommen. Wir wissen alle, dass es Brot bzw Lebensmittel überhaupt nicht in unbegrenzten Mengen gibt. Mancherorts ist es äußerst knapp. Leicht wächst da die Angst, dass das wenige Brot nicht genügt, um alle zu sättigen. Diese Angst ist menschlich. Von dieser Angst ist es aber nicht weit zu einer lebensfeindlichen Haltung, die meint, nur dann sei ausreichend für mich da, wenn ich anderen etwas von ihrem Brot wegnehme.

Am Erntedankfest wollen wir Gott für die Fülle seiner Gaben danken. Wir bedenken dabei aber, dass auch unsere Lebensweise hier dazu beiträgt, dass viele andere woanders hungern müssen. Es ist die Angst, nicht genug zu bekommen, es ist die Gier nach Leben, die Menschen dazu treibt, viel zu viel für sich zu nehmen, ja, unseren Planeten zu plündern, sodass unsere Kinder mittlerweile in der begründeten Furcht aufwachsen müssen, dass sie irgendwann nicht mehr genug zum Leben haben werden.

An Jesus können wir sehen: Wer in der Geborgenheit der Liebe Gottes steht, wer wie Jesus in tiefem Gottvertrauen lebt, muss nicht ängstlich raffen, sondern kann großzügig und freigebig an alle weitergeben und austeilen – und das Wunder geschieht: alle werden dann satt. Da sind wir aber noch ein Stück weit von entfernt. Leider. Das sollte nicht sein.
Wir haben doch eigentlich alles, was wir brauchen, um den Hunger der ganzen Welt zu stillen. Nicht immer aber gelingt es. Es stellt sich die Frage nach der Verteilung….
Oft meinen wir, es wäre besser, „auf Nummer sicher“ zu gehen und unser Brot lieber selber zu verzehren. Aber seit der wundersamen Speisung dürfen wir wissen: Wir sind eben nicht zum Raffen bestimmt, sondern dazu, bereitwillig und freudig auszuteilen, was wir haben. Wenn wir dies voll Vertrauen auf Gottes Güte tun, wird für uns und alle anderen immer genug da sein, jeder wird sogar mehr haben als vorher.

In der Vision des ewigen Himmelreichs wird das einmal für alle so sein. Das hat Jesus in zahlreichen Gleichnissen erzählt. Wenn wir also unser Brot bereitwillig austeilen, sorgen wir damit auch schon für ein Stück Himmel auf Erden.
Denken Sie doch mal da dran, wenn wieder einer auf Sie zukommt und nach Unterstützung fragt…..


Ihr

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Digitaler Predigtimpuls zum 7.Sonntag nach Trinitatis von Pfarrer Ingo G. Walter am 26.07.2020

Digitaler Predigtimpuls zum 6.Sonntag nach Trinitatis von Pfarrer Ingo G. Walter am 19.07.2020

Digitaler Predigtimpuls zum 5.Sonntag nach Trinitatis von Pfarrer Ingo G. Walter am 12.07.2020

Digitaler Predigtimpuls zum 4.Sonntag nach Trinitatis von Pfarrer Ingo G. Walter am 05.07.2020

Predigtimpuls zum 3.Sonntag nach Trinitatis von Pfarrer Ingo G. Walter am 28.06.2020

Predigtimpuls zum Erntebittsonntag 21.6.2020 Pfarrer Ingo Gerhard Walter

„…so viel er zum Essen brauchte“: ein kleiner Nebensatz in einer großen Geschichte, nämlich der vom Auszug Israels aus Ägypten auf dem Weg durch die karge Landschaft. Gott sorgt für Nahrung und jeder kann einsammeln, soviel er braucht. Trotz aller Einschränkungen unterwegs doch gleichzeitig auch eine Verheißung für das Wohlergehen im Gelobten Land.

Wenn wir das Leben in unseren heimischen Gefilden anschauen, leben wir weit über das zum Leben Notwendige hinaus. Jedes Jahr landen durchschnittlich 85 kg Essen pro Haushalt und insgesamt 13 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll.

Was ist los in einem Land, das auf die Corona-Einschränkungen mit Hamsterkäufen reagiert und selbst das Klopapier rationiert werden muß – wo doch alles da ist? Die Krise, die wir in den zurückliegenden Monaten durchlebt haben, offenbart tiefliegende Ängste, die selbst eines der reichsten Länder dieser Erde nicht befrieden konnte, ja sogar ein hochkirchlicher Feiertag wie der Karfreitag zur Öffnung der Läden noch zur Debatte stand? Da stimmt doch was in den Koordinaten unseres Gesellschaftssystems nicht mehr…

Die Erzählung von Israel auf dem Weg durch die Wüste in 2. Mose 16 benennt auch schon diese Ängste ums Dasein, greift sie auf und führt sie zu einer heilsamen Mitte, von der aus uns heute immer noch Halt kommt. Gott sorgt für sein Volk, er steht zu seiner Zusage, jeden Tag gibt er zu essen, und jeder darf sammeln, soviel er zum Essen braucht. Ein klares JA an den Menschen zum Erhalt seiner Bedürfnisse. Für alles ist gesorgt. Und das würde ja schon reichen. Aber dennoch produzieren und konsumieren und entsorgen wir mehr, als wir eigentlich bräuchten.

Stichwort „produzieren“/ wir stellen her. In 2.Mose 16 wird häufig das Wort „sammeln“ für das Einbringen der Nahrung verwendet. Wer sammelt, der schöpft aus dem Vorfindlichen, aus dem, was schon da ist. Auch unsere landwirtschaftlichen Techniken greifen auf unbeeinflussbare Vorfindlichkeiten zurück. Niemand hat der Natur das Wachsen beigebracht, kein Mensch hat das Wetter so im Griff, dass er es steuern könnte. Wachstum und Wetter sind unverfügbar, sind Geschenke des Himmels. Wer sammelt, verspürt Dankbarkeit für das, woraus er etwas machen kann. Da beginnt schon eine besondere Wertschätzung all dessen, was wir unsrer Nahrungskette leider oft achtlos und maßlos hinzufügen.

Was aber ist zuviel, mehr, oder soviel wie wir brauchen? Wo finden wir einen Maßstab für unsere Lebenshaltung? Bleibt es dem einzelnen überlassen oder sind äußere Vorgaben notwendig?

Ein gutes Maß ist von alters her die Mitte. In der deutschen Sprache sind beide Begriffe sogar etymologisch miteinander verwandt: Maß und Mitte. Ein Maß kann bestimmt werden, wenn eine Mitte, ein Ausgangspunkt, festgelegt ist.

In der alten Erzählung Israels wird der Sabbat als das Maß aller Dinge festgelegt – für uns wäre das entsprechend der Sonntag als Mitte unseres Lebens. Darauf wird Bezug genommen, darauf läuft alles hin. Was uns sonst beschäftigt, soll da zurücktreten können und dafür Platz sein für Gottes Wort und Weisung und nicht zuletzt die Dankbarkeit für alles von ihm Geschenkte.

Es tut gut, an so einem Punkt mal innehalten zu können, Ruhe zu finden und darüber nachzudenken, in welcher Ordnung unser Leben sich denn gestaltet – mit allen Anforderungen, aber auch einer gewissen Gelassenheit im Vertrauen auf Gott, der uns mit allem versorgt, soviel wir zum Leben brauchen. 
Amen

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

Predigtimpuls zu Römer 12,12 vom Hauskreis

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet (Römer 12,12)

Das hat der Apostel Paulus vor fast zweitausend Jahren an die junge Christengemeinde in Rom geschrieben. Damals wurde keine Pandemie bekämpft. Aber das Gefühl, wie zerbrechlich und bedroht das Leben sein kann, war auch den Menschen damals nicht fremd.
Gegen Krankheiten gab es ohnehin viel weniger Heilungsmöglichkeiten als heute. Fast jede Krankheit konnte schnell lebensbedrohlich werden.
Bedroht waren die Christinnen und Christen aber auch, weil sie damit rechnen mussten, wegen ihres Glaubens verfolgt zu werden. Es war ihnen bewusst, dass ihnen manchmal gar nichts anderes blieb, als sich in ihren Häusern zu verkriechen.

Leben kann so vielfältig bedroht sein. Das schienen wir fast vergessen zu haben. Der Gemeinde in Rom stand das jeden Tag vor Augen

Mitten hinein in das bedrohte Leben dann diese Worte: "Seid fröhlich in Hoffnung!" Das ist sogar noch mehr als "Alles wird gut!". Denn manchmal wird eben nicht alles gut. Wir sehen und erleben das auch jetzt.
"Seid fröhlich in Hoffnung." Als Paulus das schrieb, wusste er auch, dass es für manche einfach nicht gut ausgehen würde. Er wusste es auch nicht für sich selbst, weil er immer wieder in Gefahr und Not war. Und trotzdem schreibt er: Seid fröhlich in Hoffnung!

Warum? Weil Gott ein Gott des Lebens ist und nicht des Todes. Davon war Paulus überzeugt, das hat er geglaubt: Gott hat dem Leben den Tod nicht erspart. Aber er hat dem Tod die Macht genommen. Denn Gott hat Jesus Christus nicht im Tod gelassen. Jesus ist zwar nicht in dieses Leben zurückgekehrt. Aber er ist uns nah, an unserer Seite – in allem, was wir erleben.
Diesen Glauben, den Grund seiner Hoffnung, hat er in die wunderbaren Worte gefasst, die auch im Brief an die Gemeinde in Rom stehen: "Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist, unserem Herrn." (Römer 8,37-39)

Das Corona-Virus hat unser Leben empfindlich unterbrochen.
Manche denken: Das ist auch gut, daraus können wir vielleicht vieles lernen. Es ist gut, dass wir uns gerade jetzt darauf besinnen, was wirklich wichtig ist. Ja, das ist sicher richtig.
Aber dabei dürfen wir nicht die übersehen, die es jetzt besonders schwer haben.

Da sitzt jemand ganz alleine in seiner Wohnung und fühlt sich abgeschnitten und isoliert von allem.
Da wird jemand beatmet und fürchtet ein einsames Sterben, da kein Angehöriger in seine Nähe darf.
Da wissen manche nicht, wie es danach, wenn alles überstanden ist, wirtschaftlich weitergehen soll, weil die Betriebe geschlossen sind oder alles nur eingeschränkt läuft: in der Gastronomie, im Handwerk, in der Landwirtschaft, in Unternehmen, Einrichtungen und Schulen.

Wir merken auch, dass es Dinge gibt, die wir nicht mal einfach so in den Griff bekommen. Alle, die Entscheidungen treffen müssen, haben es nicht leicht und auch nicht sofort ein Konzept in der Tasche. Die Entwicklung eines Impfstoffes oder eines wirksamen Medikamentes braucht viel Zeit.

Da ist jetzt schon viel Geduld, sehr viel Geduld gefragt. Im Wort „Geduld“ steckt das Verb „dulden“, etwas aushalten. Aushalten, dass man nicht weiß, wie lange etwas dauert.

Hoffnung und Geduld  kommen aber nicht nur aus uns selbst. Damit sie in uns bleiben und uns immer neu erfüllen, ist es gut, auch das Dritte zu hören, das Paulus hinzufügt: Seid beharrlich im Gebet.
Beten tut gut, Beten hilft, Beten gibt Kraft. Das Gebet ist der Ort, wo ich das vor Gott ausbreite, was mich im  Innersten bewegt: meine Sehnsucht, meine Wünsche, meine Sorgen, meine Angst und meine Fragen. Wenn ich bete, dann sage ich Gott oft das, was ich nicht verstehe und begreife. Ich vertraue Gott Menschen an, um die ich mich besonders sorge. Und ich bitte Gott um seinen Schutz und seinen Beistand für mich und für andere.
Ja, und durch das Gebet sind wir in einer weltweiten Gemeinschaft miteinander verbunden. Lasst uns miteinander und füreinander beten – gerade jetzt und hier und heute.

Predigtimpuls zu Trinitatis von Pfarrer Ingo G. Walter zum Anhören

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Predigtimpuls zum Pfingstsonntag von Pfarrer Ingo G. Walter zum Anhören

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Predigt zum Sonntag Exaudi 2020 Pfarrer Ingo G. Walter


Exaudi - aus dem Hören, so heißt dieser Sonntag im Kirchenjahr, und aus dem Hören vernehmen wir das Wort Gottes, das er an uns richtet, und heute ist das zwar ein alter, alttestamentlicher Text, aber dennoch eine verheißungsvolle Zusage an alle, die auf Gottes Wort hören:
Jer 31,31-34: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Alles muss anders werden, ruft Jeremia seinen Zeitgenossen zu. Auch ihr selbst. Gott macht mit euch einen Neuanfang. Und zwar von innen heraus. Neues Herz, neuer Sinn, neuer Geist. Neue Lust an Gott und seinem Wort: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“

Diese wunderbare Zusage ist zu schön, als dass sie sich nur auf die weit zurückliegende Vergangenheit beziehen dürfte. Wenn Gott ein lebendiger Gott ist, gilt seine Verheißung über alle Zeiten hinaus bis hinein in unser heutiges modernes Leben. Und im Grunde genommen wird hier bei Jeremia schon der Inhalt des Evangeliums, der frohen Botschaft für alle Welt, vorweggenommen.

Dabei bestand eigentlich ja schon seit langer Zeit diese hoffnungsvolle Bindung Gottes an die Menschen, die auf ihn hören und ihm folgen: bereits ein Noah hatte sein ganzes Vertrauen auf Gott gesetzt, als er – zum Unmut und Spott seiner Mitmenschen – auf Gott gehört hatte und angesichts der drohenden Katastrophe seine Arche baute und von allen Geschöpfen je zwei für die Zeit nach der Sintflut mitnahm. Das war eine ganz besonders intensive Verbindung zwischen Gottheit und Menschheit, zwischen Gott selbst und dem Menschen Noah. Zum Zeichen für die anhaltende, gemeinsame Zukunftsperspektive wurde der Regenbogen an den Himmel gemalt. Er erinnert uns immer wieder daran, dass Gott zu seiner Schöpfung, zu seinen Geschöpfen, zu uns Menschen hält. Aber wie so vieles geriet auch über die Zeiten dieser Bund bei den Menschen wieder in Vergessenheit. Und so stellt sich die Frage: wie soll es denn dann miteinander weitergehen?

Gott will mit den Menschen einen neuen Bund schließen - der „Bund“, ein ganz wichtiges
Stichwort bereits im Alten Testament, das die Bindung an Gott bezeichnet. Im hebräischen Wort
„berit“ bedeutet das erstmal eine einseitige Verfügung von Gottes Seite her, sein ausdrücklicher
und verbindlicher Wille zur Gemeinschaft mit uns Menschen. Aber wir wissen ja, es gehören
immer beide Seiten dazu. Wir gehören dazu. Und wir sollen auch aus tiefster Überzeugung
dabei sein und dazu stehen. Ob es nun eine liebevolle Bindung zweier Menschen ist, ein
miteinander abgeschlossener und rechtskräftiger Vertrag, eine Zusammenführung zweier
Kirchengemeinden, oder eben, und das vor allem, eine ganz tief verinnerlichte Bindung von uns
Menschen an Gott – im besten Sinne „lebenslänglich“ – das ermöglicht Leben und Zukunft. Nd
darauf kommt’s an: es muss von innen heraus kommen und dadurch Bestand haben können.
Dann gibt es auch eine gemeinsame, sichere Perspektive in die Zukunft. Für uns Menschen
und für das Miteinander mit Gott.


Amen

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt auch zum Anhören zum Sonntag Kantate 2020 Pfarrer Ingo G. Walter

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Wer kann von sich sagen, dass er oder sie im Einklang mit sich selber ist – in völliger Harmonie. Manchmal geschieht es und man kann es spüren und greifen, wie das ist. Hin und wieder sogar im Einklang mit Gott. Doch oft genug sperrt sich die erlebte Realität gegen solche Empfindungen und Erfahrungen. Schade eigentlich.
 
Heute am Sonntag Kantate wäre eigentlich die erste Konfirmation in diesem Jahr angesetzt gewesen. Wegen der realen Umstände namens Corona können wir aber leider nicht darangehen. Dennoch soll auch heute die unserem Glauben zugrundeliegende Übereinstimmung mit Gott, der Einklang mit ihm, ein zentraler Gedanke sein.
Der Predigttext gibt uns dazu das Beispiel eines harmonischen Klangerlebnisses anlässlich der Einweihung des salomonischen Tempels in Jerusalem.
Wie das vonstattengeht wird im 2. Buch der Chronik 5,2-14 erzählt:
Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des HERRN hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.  Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat gefeiert wird. Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf  und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.  Aber der König Salomo und die ganze Gemeinde Israel, die bei ihm vor der Lade versammelt war, opferten Schafe und Rinder, so viel, dass es niemand zählen noch berechnen konnte. So brachten die Priester die Lade des Bundes des HERRN an ihre Stätte, in den Chorraum des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Cherubim,  dass die Cherubim ihre Flügel ausbreiteten über die Stätte der Lade. Und die Cherubim bedeckten die Lade und ihre Stangen von oben her.  Die Stangen aber waren so lang, dass man ihre Enden vor dem Chorraum in der Tempelhalle sah, aber von außen sah man sie nicht. Und sie war dort bis auf diesen Tag. Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen. Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass sie sich an die Ordnungen hielten und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertundzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem HERRN. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den HERRN lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus des HERRN erfüllt mit einer Wolke, sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.
Ein langer Text, der wohl mit immer noch zu wenigen Worten dieses besondere Ereignis beschreibt. Ein Erleben, das die Gegenwart Gottes in umfassender Harmonie verdichtet, wie es nur selten geschieht. Ein öffentliches Geschehen und zugleich ein jeweils ganz persönlicher Moment des Eins-Sein mit Gott in seinem Heiligtum.

Welche Lieder und Musikstücke dabei zum Erklingen kommen wird uns nicht näher erzählt. Aber auch nicht das Wie, sondern das Was steht im Vordergrund. Jeder und jede ist im Einklang mit sich selbst, zugleich im Einklang mit allen anderen drumherum und vor allem mit Gott, versinnbildlicht durch seine Wolke der Herrlichkeit, die das Volk Israel auf seinem Weg in die Freiheit schon begleitet hat.

Solche besonderen Momente sind in unserer heutigen schnelllebigen Zeit kaum zu verspüren. Wann sind wir denn bereit, innezuhalten und mal ganz konzentriert in uns hinein und auf Gott zu hören? Ein guter Anfang dazu kann schon sein, den Alltag zu unterbrechen, abzuschalten und still zu werden, Klänge wahrzunehmen, die sich sonst der Wahrnehmung entziehen oder von anderem überlagert werden. Ob das dann einer Gotteserfahrung gleichzusetzen sein kann, ist natürlich die Frage – aber sich überhaupt einmal empfänglich zu machen, bereit zu sein aufzunehmen, was uns zum Klingen bringt, das liegt zumindest schon in der Nähe dessen. Und das kann uns auch zu einem Klangkörper Gottes machen und uns weitertragen lassen, was wir von ihm dabei empfangen und verspüren. Was uns freimacht von aller Last, Sorge und Angst.

Dietrich Bonhoeffer hat selber solch eine Erfahrung des Freiwerdens in seiner Gefängniszelle gemacht. In Worte gefasst hat er das so beschrieben: „Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang.“ Wenn ich ihn auch nicht um sein Schicksal beneide – um diese Erfahrung aber doch.

Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt auch zum Anhören zum Sonntag Jubilate 2020 Pfarrer Ingo G. Walter

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„Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht ein Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.“ Martin Luther


Ein Werden und Wachsen also, welches unsere Existenz als Geschöpfe Gottes bestimmt. Gut zu wissen und durchaus auch beruhigend, wenn nichts und niemand bereits rundum perfekt dasteht. Das verweist uns aber auch auf den Grund und den Halt unseres Lebens, den wir in unserem Herrn Jesus Christus finden.

Und er sagt dazu in Joh 15,1-8:

Joh 15,1-8

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe.Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.

Wir befinden uns mit diesem Text im Johannesevangelium in einer Zeit wenige Jahrzehnte nach Jesu Tod und Auferstehung – und schon gibt es Verunsicherungen in der johanneischen Christengemeinde. Wer sich öffentlich zum christlichen Glauben bekennt, bekommt Schwierigkeiten, wird benachteiligt oder einfach ausgelacht. Gegenseitige Bestärkung tut not. Deshalb der Hinweis auf den Weinstock, an dem doch alle hängen und weiterwachsen können, wo sie ihre Kraftquelle finden, ohne den nichts weitergeht.

Heutigentags macht sich auch da und dort Verunsicherung breit. Angefangen bei der allgemeinen und grundlegenden Suche nach Wahrheit und Sicherheit für die eigene Existenz bis hin zur schon wieder sehr komplexen Theodizeefrage: Warum lässt Gott so vieles zu?



Da brauchen auch wir Bestärkung, festen Halt fürs Leben, einen sicheren Grund für unser Dasein, damit es – nach vorne ausgerichtet – weitergehen kann. Das Bild des Weinstocks macht da schon was her: daran wird deutlich, wie eng und existenziell wir doch mit dem Grund unseres Lebens immer verbunden sind und weiterkommen. Mir tut das gut, wenn ich weiß, dass diese Verbindung besteht, aus der ich immer wieder neu gespeist werde.

Ich glaube auch, dass es wirklich so ist: wir brauchen Gott zum Leben. So wie wir jetzt die digitalen Medien ganz besonders brauchen, um miteinander in Kontakt zu sein. Aber das wäre doch eine eher technische Ebene, die ich da als Beispiel in heutiger Zeit heranziehe. Wobei daran im Vergleich sicher auch vieles deutlich gemacht werden kann.

Aber genauso in heutiger Zeit angesiedelt ist nach wie vor der Vergleich zum Weinbau – nicht zuletzt hier bei uns vor Ort. Und da möchte ich Sie ermuntern, mal rauszugehen und sich die Weinstöcke anschauen – mit dieser Bibelstelle aus Johannes 15 im Hinterkopf.

Vielleicht ergibt sich auch die Gelegenheit, einem echten Wengerter bei der Arbeit über die Schulter zu schauen, wie sorgfältig er sich um seine Pflänzlein kümmert, damit aus ihnen viel Gutes erwachsen kann. Bis hin zum Endprodukt, dem Wein, den wir gerne zu freudigen Anlässen genießen – natürlich im Beisammensein.

Das findet ja gerade so nicht statt, aber die Aussicht, die Hoffnung darauf und die Gewißheit, dass wir alle durch unseren wahren Weinstock Jesus Christus miteinander verbunden sind, kann und soll auch unsere Kraftquelle sein. In dieser besonderen Zeit, aber auch zu jeder anderen Zeit, wenn wir wieder zusammenkommen können als eine Gemeinschaft, die ihren festen Grund hat in Christus Jesus, unserem Herrn.

Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt auch zum Anhören zum Sonntag Miserikordias Domini 2020 Pfarrer Ingo G. Walter

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Am Sonntag Miserikordias Domini steht als Stichwort ebendieses im Raum: die Barmherzigkeit des Herrn. Eigentlich eine Herausforderung, ein Gegensatz zu dem, was wir gerade weltweit erleben müssen, und doch irgendwie tröstlich. Wie geht es Ihnen damit? Schwierig zusammen zu bringen. So geht es mir auch. Im heutigen Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief (1.Petr 2,21-25) kommen einem die Aussagen wie ein ersuchen um Geduld entgegen. Aber hören und schauen wir mal hin:
Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen; er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.
Da wird also auf einen geduldig aushaltenden Menschen geblickt, der es wohl einfach so mit sich hat machen lassen. Keine Gegenwehr, kein Protest, sondern erleiden und Weiterreichen an Gott, „der gerecht richtet“ – das Opfer schlechthin, wie es von den gewalttätigen Akteuren immer wieder gern genommen wird.
Das geht schon los in Schulen, wenn Jungen oder Mädchen, die sich nicht zur Wehr setzen können oder wollen, immer wieder neu gehänselt, gemobbt, fertiggemacht werden, bis sie schließlich daran innerlich zugrunde gehen. Hilflose Opfer eben.
Da sträubt sich etwas in mir. Erst recht, wenn klar wird, an wen diese Zeilen aus dem 1. Petrusbrief gerichtet sind. Einige Sätze vorher werden die Adressaten benannt: „Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen.“ Letztere kann man sich wohl zurecht als die Gewalttätigen und Ungerechten unter den Herren vorstellen. Und das soll hingenommen, ausgehalten werden?
Wo klingt da etwas an wie: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“, oder: „zu mündigen Menschen hat er euch gemacht“? In der langen Geschichte unserer christlichen Kirche hat es leider auch lange gedauert, bis der Skandal der Unterdrückung als solcher erkannt und benannt wurde. Und doch tritt sie immer wieder zutage. Auch heute noch. lebensunwürdige Kinderarbeit, geschwächte Männer auf ausländischen Baustellen, ausgenutzte Flüchtlinge auf Erntefeldern, Dahinvegetieren in gnadenloser Abhängigkeit. Das Spektrum ist breit, das Thema noch lange nicht erledigt.

Da muß man doch aufstehen und sich dagegen wehren, oder? So denken wir aus unseren sicheren Gefilden heraus. Diesen Menschen einen Antrieb und die notwendige Stärke dazu zu geben, ist unser Abschnitt aus dem Petrusbrief nicht unbedingt eine Hilfestellung. Zumindest nicht in der Weise, wie’s dasteht.
Ein anderes, sogar besseres Verständnis kann sich einstellen, wenn wir uns von Martin Luther beim Lesen der Bibel anleiten lassen. Für ihn galt, danach in den Texten zu suchen „was Christum treibet“, also was in Übereinstimmung zu seinem Leben, Handeln, Reden und ganzen Wesen steht.
Die Vorstellung vom still duldenden Lamm, das sogar noch den Tod erlitten hat, ist ein sehr auf die konkrete Situation hin geprägtes Bild.
Doch eigentlich war Jesus ein sehr lebhafter und kritischer, manchmal auch lautstarker Mensch, der vielen Menschen sehr deutlich den Spiegel vorgehalten und die Richtung gewiesen hat. Der insbesondere die Geringen, die Missachteten, die Ausgenutzten und Ausgestoßenen in den Fokus nahm und ihnen Lebenshilfe bot. Und dadurch konnten sie aufleben und ihren Weg ins Leben und durchs Leben beschreiten und bestreiten.

So sah das wohl auch der Paulus, als er schrieb: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit“ – einen Horizont eröffnet, einen guten Weg gezeigt, mit dem Ursprung unseres menschlichen Lebens, mit Gott zusammengebracht, der für alle Leben und Licht bereithält, auch den „Geringsten unter meinen Brüdern“. Daran sollen wir uns halten.

Und so hat auch ein Martin Luther weiter ausgeführt: „was Christum treibet, das ist Heilige Schrift und Evangelium“, selbst wenn es in der Bild-Zeitung steht oder als Graffiti an einer Wand – und „was Christum nicht treibet, ist Stroh und Mist“, selbst wenn es zwischen den güldenen Buchdeckeln der ehrwürdigen Literatur steht. Ein steiler Maßstab, aber für die uns allen geltende Botschaft Jesu Christi von Gott, von Licht und Leben allemal korrekt.
Und dazu stand auch ein Luther fest und widerständig: „Hier stehe ich und kann nicht anders…“

Es gibt immer genug, was wir der vorherrschenden Realität durch unseren Glauben entgegenzusetzen haben, nicht als Ver-Tröstung, nicht nur zum Schein, nicht als Mittel zum Verstummen, sondern als Hoffnungszeichen für diese Welt in vier Buchstaben:
GmbH – Gottvertrauen mit berechtigter Hoffnung.
Damit machen wir uns als Christen weithin bemerkbar. Darum geht es immer. Aber gerade jetzt in dieser Zeit.

Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt Quasimodogeniti 2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Doch die Hoffnung bleibt!

Jes 40,26-31: Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Das sind wahrhaft wohltuende Worte des Propheten Jesaja! Genau die richtigen Worte für Menschen, die solchen Zuspruch brauchen: Menschen, weit weg von ihrer ursprünglichen Heimat, die heimkehren wollen, Vertrautem wiederbegegnen, ankommen und dableiben.

Wie man inzwischen weiß, hat es den Israeliten im babylonischen Exil kaum an etwas gefehlt – äußerlich. Innerlich aber schon. Zerstreute Familien, zerschlagene Hoffnungen, zerstörtes Selbstwertgefühl und zaghafter werdender Glaube an den einzigartigen Gott Israels. Allgemeine Mutlosigkeit und Kraftlosigkeit droht sich auszubreiten. So wie wir gerade auch zumeist nur passiv durchleben können, was uns geschieht. Weltweit. Wie geht das weiter? Wo soll das hinführen? Gibt es eine Rückkehr zum Normalen? Jesaja spricht auch uns Mut zu: die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft.

 Darauf dürfen wir hoffen – darauf durfte Israel in der Fremde hoffen. Und zwar mit Erfolg. Die Rückkehr durfte stattfinden, ein neues Leben in der alten Heimat wieder beginnen.

Es ging und es geht bei allem und vor allem um Hoffnung, Hoffnung auf eine Wende zum Besseren hin. Hoffnung ist da wie eine Aussicht, ein Blick über den Rand des erlittenen Schicksals. Ein Lichtstrahl in der Dunkelheit.

So wie das Licht am frühen Ostermorgen. Wer das einmal miterlebt und wahrgenommen hat, geht ganz anders in diesen Tag. Und auch noch in alle weiteren Tage, denn über das bloße Naturereignis hinaus öffnet uns Gott da einen Spalt, aus dem uns der Himmel entgegenstrahlt – unsere ewige Heimat, auf die wir hinleben, auf die wir hoffen dürfen. Die Osterhoffnung: sie bleibt uns auch noch weiter erhalten und lässt uns weiter hoffen.

Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt zum Ostersonntag 2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden.
Die Osterbotschaft schlechthin, und doch dieses Jahr eher verhalten. Denn die Freude über das neue Leben in Christus bleibt überdeckt um die Sorge um Leben du Gesundheit angesichts der anhaltenden Bedrohung durch das Corona-Virus.
Aber trotzdem ist und bleibt Ostern das Fest des Lebens. Der Beginn eines neuen Lebens ist ein Wunder. Jedes Kind, das auf die Welt kommt, ist ein Wunder. Jedes Menschenleben in seiner ganzen Ausdehnung ist ein Wunder für sich und man kann nicht genug staunen, wie viele Wendungen es immer wieder nimmt. Aber dann: das Ende, der Tod? Auch als ein Wunder zu begreifen?
Warum leben wir, warum sterben wir, was kommt danach: diese Fragen tauchen in allen Religionen auf, und sie versuchen, dem einen Sinn zu geben. Nur hat der Tod an sich keinen Sinn. Er ist sogar ein Gegner, der besiegt werden muss, und der für uns auch schon besiegt worden ist durch Jesus Christus. Das hat auch für uns bedeutsame Folgen.
Paulus stellt das in seinem 1. Korintherbrief (1.Kor 15,19-28) so dar:
Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen. Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« (Psalm 110,1). Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.
Die Frohe Botschaft von Ostern – Christus ist auferstanden – ist unstrittig, aber wie ist er selbst dabei zu bewerten?
Es gibt Menschen, die Jesus halt für einen tollen Menschen, einen ganz anständigen Propheten, Visionär, Revoluzzer oder sonstiges halten, aber nicht für Gottes eigenen Sohn. Das reicht meines Erachtens aber noch nicht aus für unser christliches Verständnis, geschweige denn als Glaubensgrundlage.

Ende 2018 gab es von idea eine Umfrage : 2.000 Deutsche wurden befragt, ob sie an ein Leben nach dem Tod glauben.
Unterm Strich kam zutage, dass weniger als 20% glauben, dass es sich mit Tod und Auferstehung so verhält, wie in der Bibel beschrieben. Und: Je älter, desto skeptischer.
Schade eigentlich, denn das lässt vermuten, dass sich das Leben doch meist nur auf das Hier und Jetzt und vor allem auf das eigene Tun und Treiben ausrichtet, aber nicht auf diese noch viel weitere Perspektive, die wir durch Jesus Christus bekommen haben.
Vielleicht denken manche: naja, Ostern ist die Wiedergutmachung von Karfreitag, dann wäre das ja auch wieder ausgeglichen.
Aber so einfach geht die Rechnung nicht auf.
Dann hätte Gott hat ja um der schwarzen Null willen bereits eingegriffen, als Jesus am Kreuz hing – wesentlich einfacher, als ihn nach drei Tagen aufzuerwecken. Doch dann hätte etwas ganz Wesentliches gefehlt. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab...“ (Joh 3,16). Die erste Lebensgeschichte musste bis ans Ende gehen, die größtmögliche Zuwendung, ja: Aufopferung Gottes zu uns Menschen erleben bzw erleiden.
Und dann: was Gott liebt, lässt er nicht im Tod. Jedes Leben ist für Gott kostbar. Er lässt es nicht gänzlich vergehen, sondern er bewahrt es, bei sich selbst. Und er macht Neues daraus.
 
Der härteste Prüfstein für unseren Osterglauben sind die Gräber auf unseren Friedhöfen. Wenn es stimmt, dass Jesus Christus den Tod besiegt hat, warum gibt es ihn trotzdem immer noch? Die wohl wenig zufriedenstellende Antwort darauf ist, dass der Tod zum Leben gehört, wie es auch schon der Prediger Salomo erkannt hat. Umso wertvoller alles, was mit Leben erfüllt ist.
Der Tod gehört zum Leben, sonst wäre es kein Leben in diesem Sinne. Aber er hat nur noch das vorletzte Wort, nicht mehr das letzte Wort. Das letzte Wort hat Gott. Über uns alle. Über unser Leben. Über unser neues Leben, das bereits hier beginnen darf.
Damit eröffnet sich uns eine weitestgehende Freiheit. Ostern befreit uns von der Angst vor einem endgültigen Aus und Weg. Ostern versichert uns der anhaltenden Liebe Gottes zu uns, zu uns Menschen, zu seinen Geschöpfen. Er lässt uns nicht im Stich – weder wenn es hart auf hart kommt, noch wenn es wirklich ans Letzte geht.
Er lässt uns nicht los und er lässt uns nicht im Tod.
Das gibt uns hoffnungsstarke Perspektiven für dieses Nachher, aber vor allem auch für das Jetzt, wenn wir sicher sein können, dass wir von Gott angenommen und geliebt sind und bleiben, so wie er es uns durch seinen Sohn ermöglicht und gezeigt hat. Er hält für uns Leben bereit.
Das kann gerade in schwerer Zeit immer wieder zu einer greifbaren Zusage werden und uns Kraft geben. Auch während und vor allem nach Corona.
Bleiben Sie also von Hoffnung und Zuversicht getragen – und gesund!

Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt Karfreitag 10.04.2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Dieses Jahr ganz besonders still, stellt sich dennoch die Frage: Ist der Karfreitag ein Trauertag oder ein „Guter Freitag“ eines Martin Luther? Nun: Am Karfreitag hat sich Gott mit den Menschen versöhnt – durch das Opfer Jesu.
Der Karfreitag ist schon immer ein stiller Feiertag gewesen, nicht der einzelne Mensch, sondern das Leiden und Sterben Jesus soll an diesem Tag im Mittelpunkt stehen. Jedes Jahr neu gibt es Diskussionen über die besondere Feiertagsruhe dieses Tages. Warum man in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag nicht Tanzen gehen soll oder warum am Karfreitag keine Sportveranstaltungen stattfinden sollen, ist dieses Jahr sicher keine besonders herausfordernde Fragestellung. Leider.

Aber es lohnt sich doch immer wieder, über die besondere Bedeutung des Karfreitags nachzudenken. Schon der Name: Karfreitag. Das althochdeutsche Wort „Kara“ heißt so viel wie „Klage, Kummer, Trauer“. Der Karfreitag ist also ein Trauertag – deshalb auch die besondere Feiertagsruhe in aller gebotenen Trauer und Besinnung.
Aber gemeinsam zu trauern ist uns Menschen oft nicht nachvollziehbar. Menschen feiern zusammen oder sind gemeinsam wütend, doch gemeinsam zu trauern ist auf recht wenig begrenzt, zur Zeit vielleicht auf die Opfer des Corona-Virus.
Damit ist der Karfreitag als Trauertag eine Herausforderung.

Martin Luther sprach vom Karfreitag als „Gutem Freitag“, denn er nahm versehentlich die Vorsilbe „Kar“ vom lateinischen „carus“, was so viel bedeutet wie „lieb, gut oder teuer“. Doch was soll daran gut sein, was soll daran lieb sein, was soll da teuer sein?
Nun: An diesem Freitag hat Jesus die Menschen zum teuren Preis seines Lebens aus dem Tod freigekauft, weil er in seiner Liebe all unsere Schuld auf sich genommen hat und so unser Leben auf ein gutes Ziel hin ausrichtet. Sein Tod bedeutet Sühne und Versöhnung für uns.

Der Gedanke, dass der Karfreitag ein „Guter Freitag“ ist, weil Gott sich durch das Sühneopfer Jesu mit den Menschen versöhnt hat, hat im Apostel Paulus einen gewichtigen Fürsprecher (2.Kor 5,19-21):
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Die zentrale Botschaft: „Lasst euch versöhnen mit Gott.“ Denn er handelt da an uns und für uns.

Im Johannesevangelium (Joh 19,11) sagt Jesus zu Pilatus: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre.“ Gott handelt am Karfreitag und er hätte den Tod Jesu auch verhindern können. Aber warum nicht?

Auf diese Frage gibt es viele Antwortversuche und es bleibt das Geheimnis des Karfreitags: Die Liebe Gottes zu seine Geschöpfen, auch zu den Menschen, die Jesus den Weg ans Kreuz und in den Tod gehen ließ, diese Liebe hat damals schon den Ausschlag gegeben und hinterlässt noch immer ihre Spuren. Natürlich ist der Tod damit nicht aus der Welt, doch kann er gegen die Macht einer solchen umfassenden Liebe nichts ausrichten.

Schwer zu begreifen! Zumindest nach unserem menschlichen Verstand. Aber wenn wir nicht darauf vertrauen können oder wollen, dass wir es als Menschen wirklich wert sind, von Gott so geliebt zu werden, dass er seinen einzigen Sohn für uns dahingibt, dann werden wir seine Liebe in unserem Leben kaum spüren können. Deshalb sollten wir dankbar annemen, dass uns etwas so Wunderbares widerfahren ist. So wunderbar, dass der Karfreitag für uns Menschen doch ein „guter Freitag“ ist.
Denn an ihm wird deutlich, wie sehr uns Gott liebt und wie weit er selbst dafür geht. Natürlich dürfen und müssen wir an diesem Tag auch trauern, dass Jesus solche Schmerzen bis hin zum Tod auf sich genommen hat, um uns Gottes Liebe zu zeigen. Aber dieser Grund dazu macht’s aus und erst recht für uns besonders wertvoll: wir sind nach wie vor Gottes geliebte Geschöpfe. Auch – wie heute – in aller Stille……

Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt Palmsonntag 05.04.2020 Pfarrer Ingo G.Walter

Vor der Corona-Krise hat haben sich Kirche und Gemeinden vor allem mit einer Problematik auseinanderzusetzen gehabt: dem Pfarrplan. Personelle und finanzielle Rückschritte stellten (und stellen immer noch) eine große Herausforderung dar mit der Frage: wie organisieren wir uns künftig und worauf kommt es dabei an? Da ist sicher noch nicht das letzte Wort gesprochen, erst recht, wenn wir bedenken, dass wir jetzt in unserer Ausnahmesituation manches noch mal ganz anders betrachten und gewichten müssen.

Im Predigttext Mk 14,1-9 wird die Frage nach dem worauf es ankommt auf ganz besondere Weise in Szene gesetzt: Eine Frau salbt Jesus bei Tisch mit kostbarem Nardenöl. Sie wird von den Jüngern der Verschwendung bezichtigt – man hätte doch für den Wert des Öls so vielen Armen helfen können. Aber Jesus stellt klar, dass sie richtig gehandelt hat, wenn sie ihm mit ihrer teuren Aktion den absoluten Vorrang vor allem anderen gegeben hat.

Es geht darum zu erkennen, was gerade dran ist – und was warten kann. Es geht darum, die richtigen Prioritäten zu setzen. Die liegen aber nicht immer so klar auf der Hand. Zu komplex sind die Zusammenhänge in unserer modernen Welt, als dass es auf die vielen Fragestellungen auch eindeutige Antworten geben könnte.

Wir brauchen Gerechtigkeit und Fürsorge und so vieles, um die Not in der Welt zu lindern. Definitiv. Wir brauchen Essen für die Lebenden und einen würdigen Abschied für die Toten. Wir brauchen Nächstenliebe und Liebe für uns selbst. Und wir brauchen Gotteshäuser, in denen wir uns wohlfühlen können, dazu Symbole und Feste. Wenn wir aber nicht alles gleichzeitig haben können, weil die Möglichkeiten begrenzt sind, wird es schwierig. Dann stellt sich die Frage: Wie verteile ich das, was ich anbieten kann, zwischen mir selbst und meinen Mitmenschen und den jeweiligen Anliegen? Wie erkenne ich, was gerade dran ist? Kann ich etwas abknapsen für andere? Und will ich das für meine Familie zurücklegen oder lieber für Not leidende Menschen oder für die Umwelthilfe oder für den Denkmalschutz? Was soll ich tun? Welche Prioritäten setzen?

 

Selbst in der Bibel stolpert man über unterschiedliche Vorgehensweisen oder Empfehlungen: Mal soll man all sein Vermögen den Armen geben, dann auch wieder nicht, so wie in unserem Abschnitt aus dem Markusevangelium. Es kommt auf die Situation an. Die Bibel ist keine einfache Gebrauchsanweisung für jede Lebenslage, sondern ein vielstimmiger Versuch, Gottes Geschichte mit uns und Gottes Willen für uns in Worte zu fassen. Gottes Worte blitzen da immer wieder durch. Aber sie ersparen uns nicht die Arbeit, selbst zu urteilen und selbst zu entscheiden. Da sind wir selber dran. Keine einfache Aufgabe.

 

Aber Entscheidungsfreiheit ist auch ein Geschenk. Wir haben die Wahl! Oft gibt es eine Fülle von Möglichkeiten. Damit umzugehen war noch nie einfach. Manch einer macht das am liebsten mit sich selber aus. Eine andere bespricht das eingehend mit weiteren Menschen. Wenn wir gemeinsam entscheiden müssen, dauert das oft länger – aber immerhin: Wir können überhaupt entscheiden! Wir können zuhören und argumentieren, diskutieren, streiten und Kompromisse finden. Und wir sind vor Irrtümern nicht gefeit. Vielleicht hätte man frühzeitiger mit drastischen Maßnahmen auf Corona reagieren müssen, vielleicht hätte man das ganze Gesundheitswesen auf bessere Grundlagen stellen müssen, vielleicht hätte man die digitale Vernetzung schneller weiterentwickeln müssen – vielleicht, vielleicht und hätte man doch! Das kann man hinterher immer ins Feld führen. Aber in diesen wenigen Momenten, wo Entscheidungen zu treffen sind? Ich beneide niemanden, der in solcher Verantwortung steht und doch bin ich froh, dass nicht alles von vornherein bereits festgelegt ist.

 

Jesus erinnert seine Jünger daran, das Handeln der Frau nicht vorschnell in Frage zu stellen und zu verurteilen. Vielleicht ist auch das eine der Lehren, die Jesus seinen Jüngern, seiner Kirche mitgibt: Rechne damit, dass sich hinter so mancher vermeintlichen Fehlentscheidung doch auch Gutes verbirgt. Rechne mit dem Guten, auch wenn du es auf den ersten Blick nicht siehst. Gestehe den anderen Einsichten zu, die du selber möglicherweise noch nicht hast. Rechne mit dem Guten und höre nicht auf immer weiter danach zu suchen. Also: dranbleiben!

Und bleiben Sie gesund!

Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

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Predigt Sonntag Judika 29.03.2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Der Predigttext zum Sonntag Judika im Hebräerbrief (Hebr 13,12-14) ist nur drei Verse kurz und kommt schnell zur Sache: „Jesus hat, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“


Nach der Vorstellung der jüdischen Tradition ist das Blut der Ort des Lebens. Werden Tiere getötet, fließt ihr Blut zurück in die Erde. Besiegeln Menschen einen Bund fürs Leben, schließen sie „Blutsbrüderschaft“, das kennen wir ja von Winnetou und Old Shatterhand, aber auch in vielen anderen Kulturen war das verbreitet. Eine Erinnerung daran halten wir Christen beim Abendmahl lebendig, wenn wir nach den Einsetzungsworten aus dem Kelch symbolisch „das Blut des Neuen Bundes trinken“.

Jesus verkündete in Wort und eigener Person, dass das Reich Gottes und seine Liebe nahe seien. Das tat er in einer Zeit voller Gewalt, Ungerechtigkeiten und Unfrieden. Damit weckte er Hoffnung bei den einen und Ärger bei den anderen. Er wusste um die Gefahr, in die er sich gebracht hatte durch sein Reden und Handeln. Er hielt fest an dieser schlichten Wahrheit: Gott liebt diese Welt – in all ihrer Unvollkommenheit. Und Gott liebt diese Menschen – besonders die Kleinen, Armen, Schwachen. Dieses Reden und Handeln brachte Jesus ans Kreuz. Draußen vor „dem Tor“, auf Golgatha, dem Hinrichtungsplatz Jerusalems, starb er. Golgatha: ein Ort des Grauens! Gewalt, Schmerzen, Geschrei. Ein Ort, der so wenig dem göttlichen Schöpfungsplan entspricht wie jeder andere Kriegsschauplatz der Erde.

 

„Vor dem Tor“ – bis heute überziehen solche Orte die Welt mit ihrem Grauen: Ob Guantanamo, Syrien oder Jemen … Wo ist Gott? Warum tut er nichts? Das fragen viele. Dabei ahnen wir doch die Antwort: Gott ist da! Ist selbst mit draußen „vor dem Tor“. Weint mit den Opfern, teilt ihren Schmerz. Es gibt keinen Ort auf dieser Erde, an dem Gott nicht wäre. Viele haben das auch schon erlebt: Gott leidet mit und lässt niemanden allein, der ihn um Hilfe anfleht. Egal welcher Religion und Konfession.

Gott sagt zu dem, der um Hilfe bittet, nicht: „Zeige mir zuerst deine Taufurkunde!“ Und doch haben gläubige Christen sich zu allen Zeiten immer wieder an dem großen Geschenk der Taufe festhalten können. Nicht nur Martin Luther hat in Zeiten größter Not daran festgehalten: „Ich bin getauft!“ Warum? In Zeiten größter Not sei dreierlei besonders schlimm, haben mir Menschen erzählt: Zum einen die Einsamkeit. Zum anderen die Angst, um das eigene Leben und das der Nächsten. Und zum dritten das Gefühl: Ich kann nichts tun! Das trifft leider auch jetzt gerade mitten in unsere aktuelle Lebenssituation hinein.

 

Ein Leben ohne Leid gibt es nicht. Der Volksmund spricht nicht umsonst vom Päckchen, das jeder zu tragen hat. Das war wohl auch schon in der Zeit des Hebräerbriefs so. Er fordert seine Leserinnen und Leser auf: So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen.

 

Hier geht es um den Ernst der Nachfolge. In unserem Leben als Christen geht es einerseits darum, dass wir bewusst den Segen, der uns von Gott geschenkt wird, spüren. Diese Kraft, diese Liebe, dieses Leben aus Gottes Hand ist ein wundervolles Geschenk. Dankbar zu genießen, mit Freude zu leben – das dürfen wir, solange das eben geht.

Aber dann haben wir noch diese eine wichtige Aufgabe: auf die zu schauen, die „draußen“ sind. Und für diese Menschen Sorge zu tragen, wie wir das jetzt auch nach Kräften zu tun bemüht sind. Das ist nicht immer leicht, manchmal sogar sehr anstrengend. Doch wir alle können viel dazu und füreinander tun, nach unserer je eigenen Begabung und Kraft und im Wissen darum, dass wir hier keine bleibende Stadt haben, sondern die zukünftige suchen, wie das der Hebräerbrief formuliert.

Dazu eine kleine Geschichte:

 Ein wohlhabender Tourist besichtigt ein Kloster. Ein Mönch zeigt ihm freundlich und fröhlich Kapelle und Refektorium, Kreuzgang und Bibliothek. Wo er denn wohne, so ganz privat, erkundigt sich der Tourist; und der Mönch zeigt ihm seine Zelle, sehr klein und sehr bescheiden eingerichtet. „Ja, aber …“, wundert sich der Tourist und fragt: „Wo haben Sie denn Ihre Sachen?“ – „Wo haben Sie Ihre Sachen?“, fragt der Mönch den Touristen. Seine Antwort: „Ich bin ja nur auf der Durchreise.“ – „Ich auch“, erwidert der Mönch.

 

So ist das. Daran lässt sich nicht rütteln: Wir sind alle nur „auf der Durchreise“ und haben hier „keine bleibende Stadt“. Doch solange wir unterwegs sind, dürfen wir dieses Leben voll ausschöpfen und unseren Teil dazu beitragen, dass auch andere leben können, und nicht außen vor bleiben müssen. Unser Leben ist Geschenk und Auftrag gleichermaßen. Möge Gott uns dabei und dazu segnen und uns gerade in dieser Zeit beistehen!

 Amen.

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

 

Predigt Sonntag Lätare 22.03.2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Predigt zum Sonntag Lätare 22.3.2020

Heute könnte schon Ostern sein. Nach den jahrhundertealten Regeln, mit denen der Ostertermin festgelegt wurde – der erste Sonntag nach dem ersten Vollmond nach Frühlingsanfang –, ist der 22. März der erste überhaupt mögliche Ostertermin. Heute könnte schon Ostern sein. Doch soweit sind wir dieses Jahr noch nicht. Und was an Ostern sein wird, ist angesichts Corona ebenfalls noch unklar.

 

Aber der heutige Sonntagsname Lätare soll trotzdem schon ein wenig Vorfreude mit sich bringen: Freue dich, heißt er auf deutsch. Die Mitte der Passionszeit ist überschritten. Das Osterfest rückt näher. Wer die Passionszeit in ihrem eigentlichen Sinne ernst nimmt und an sich heranlässt, dem kann sie lang werden, kann eine Durststrecke sein.

Da lädt der Sonntag Lätare zum Ausruhen und Krafttanken ein.

Durststrecken im Leben können unterschiedlich sein. Die zurückliegenden Sommerzeiten sind ein Beispiel dafür, Ermattung, Einsamkeit, Frustration bis hin zum Burn-Out sind weitere.

Auch der Prophet Jesaja kennt solche Durststrecken bereits zu seiner Zeit im 5. Jahrhundert vor Christus. Das jüdische Volk ist aus dem Exil in die Heimat zurückgekehrt, aber der Wiederaufbau fällt schwer.


Da hinein spricht Jesaja im Auftrag Gottes aufmunternde, zukunftsweisende Worte (Jes 66,10-14): Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an dem Reichtum ihrer Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ihre Kinder sollen auf dem Arme getragen werden, und auf den Knien wird man sie liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

 

Geradezu mütterlich geborgen und behütet soll sich das weitere Leben also gestalten und entfalten lassen. Wohlstand und Frieden sollen die Heimgekehrten erleben dürfen. Gott will dafür sorgen und bereits in der momentanen Situation Trost und Halt geben.

 

Uns heute tut das auch gut, wenn wir wissen dürfen, dass Gott über alle Zeiten hinweg seine Menschen nicht im Stich lässt und auch uns nicht alleine lässt und in uns die Hoffnung auf eine bessere Zukunft stärken will. Vertrauen wir – auch gegen den Schein – darauf, dass auch für uns wieder andere Zeiten anbrechen werden - ob bereits zu Ostern oder erst später…die vorösterliche Passionszeit nimmt uns ja hinein in das tiefe Tal, das der Sohn Gottes beschritten hat. Aber er hat es auch erfolgreich durchschritten. Er ist stärker als Leid und Tod. Das mag uns Trost und Hoffnung für uns selbst geben in dieser schweren Zeit.

 

Heute ist noch nicht Ostern. Aber wir können darauf vertrauen, dass wir jeden Tag bereits im österlichen Licht leben – auch dann, ja erst recht dann, wenn alles düster erscheint. 

Amen

Pfarrer Ingo Gerhard Walter

 

 

Predigt Sonntag Okuli 15.03.2020 Pfarrer Ingo G. Walter

Predigtimpuls zu Lukas 9,57–62 zum Sonntag Okuli 15.3.2020

Manchen Dingen muß man ins Auge sehen anstatt sich abzuwenden oder abzulenken – obwohl wir oft gerade dies tun. Wir richten die Sinne auf Angenehmeres, Leichteres und Schöneres, und schieben damit auf, was eigentlich gerade nötig wäre. Vielleicht hat man zu lange die Ernsthaftigkeit der momentanen Coronagefährdung vor sich hergeschoben, vielleicht wusste man es auch tatsächlich nicht besser oder es haperte an den umständlichen Behördenwegen. Wie auch immer: jetzt müssen wir dem, was vor uns liegt, ins Auge sehen und den bestmöglichen Umgang damit finden.

Im Lukasevangelium wird in Kapitel 9, 57-62 auch ein kritischer Blick auf das Verhalten von Menschen geworfen, die sich Jesus zur Nachfolge antragen. Und der schaut genau hin und findet auch sehr deutliche und ablehnende Worte. Die münden in den abschließenden Satz: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“

Jeder Mensch mag seinen eigenen Hintergrund, seine eigenen Beweggründe haben, wie er dann seine Gegenwart und Zukunft gestalten möchte. Aber sind diese Gründe und was mit ihnen verbunden ist, auch hinreichend genug, um damit weiterzugehen oder muß nicht auch mal völlig neu der nächste Schritt angesetzt werden?

In unserem Abschnitt aus dem Lukasevangelium geht es um das Mitgehen auf dem Weg Jesu Christi. Das kann einschneidende Konsequenzen haben. Vorher noch schnell was anderes tun, damit nichts Unerledigtes zurückbleibt? Noch einen Aufschub gewährt bekommen, weil man doch noch nicht ganz soweit ist? Abschied von Liebgewonnenem nehmen mit einer ungewissen Aussicht auf das Kommende? Auf diese Fragen würde Jesus wahrscheinlich antworten: „Jetzt oder nie! Entscheide dich! Sieh nicht zurück auf das, was du hinter dir lässt, sondern dahin, wohin dein weiterer Weg dich führt.“

Oder eben mit dem Bild des Pflügens. In der Zeit der reinen Handarbeit auf den Feldern ein einleuchtender Vergleich. Heute wäre wohl eher ein Bild aus der häuslichen Gartenpflege angebracht: Jeden, der auch nur einen Rasenmäher geschoben hat und dabei mal über die Schulter geschaut hat, überzeugt die Korrektur der Perspektive sofort. Konzentrier dich, guck nach vorne, sonst sieht dein Leben so aus wie dein Rasen: wilde Bahnen kreuz und quer ohne erkennbares Muster. Eiere nicht durch dein Leben, sondern: Augen geradeaus, wenn es was werden soll. Das kann dann eben auch bedeuten, das hinter sich zu lassen, was einen daran hindert, das zu tun, was man selber wirklich will. Aber so extrem gedacht ist das auch nicht gerade das Patentrezept für ein glückliches und gelingendes Leben. Zumindest nicht vorstellbar. Wichtig ist und bleibt der Blick fürs Wesentliche, meistens eben nach vorne. Und es bleibt festzuhalten: Das Leben in der Nachfolge unseres Herrn lässt sich nicht aufschieben, sondern einfach nur angehen und gestalten.

Gegenwärtig sind wir ganz ordentlich herausgefordert, aber auch dazu aufgefordert, ganz genau ins Hier und Jetzt, und erst recht auf das Morgen zu sehen und zu hören. Nicht nur wegen der täglich aktualisierten Warnmeldungen und weiteren Einschränkungen unseres normalen Lebens. Sondern gerade auch was das Gottvertrauen und die Verbundenheit mit unseren Mitmenschen angeht: durch immer weniger Nähe umso mehr Solidarität zeigen, hört sich zwar widersprüchlich an, scheint aber momentan das Richtige zu sein, wenn wir barmherzig mit unserem Nächsten umgehen und weitere Risiken vermeiden wollen.

Ich versuche, hoffnungsvoll in die noch weitere Zukunft zu blicken und freue mich darauf, eines Tages wieder zusammen mit Ihnen in unserer Kirche Gottesdienste feiern zu können. Und vieles andere mehr.

So Gott will.

Amen

Pfarrer ingo G. Walter

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Ausgewählte Predigten

Teilweise zum Nachlesen als pdf oder zum Anhören als mp3.

31.10.201610 neue Thesen zur ReformationPfr. Michael Harrpdf
29.05.2016Predigt, Pfarrer Michael Harr1. Johannesbrief 4, 16-21pdf
30.08.2015Predigt, Pfarrer Michael HarrLukas 10,
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23.08.2015Predigt, Pfarrer Michael HarrMarkus 7, 31-37pdf
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Lukas 2, 1-20pdf
20.01.2013Predigt, Pfr. Michael HarrJohannes 12, 34-41pdf
03.02.2013Gedanken einer KonfirmandinJeremia 20, 7-11apdf
12.08.2012Predigt am Israelsonntag, Pfr. Michael HarrJesaja 62, 6-12pdf
06.05.2012Predigt im ökumenischen Gottesdienst anlässlich des „Festes am Windrad“ im Festzelt am Windrad, Pfr. Michael HarrMatthäus 27, 24.25pdf
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31.07.2011Predigt, Pfr. Michael Harr5. Mose 5, 6-12pdf 
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