Besinnung

Fernweh...?Mit dem Zug zum Abendessen nach Paris, mit dem Billigflieger zum Shoppennach Mailand oder im Internet mit wer-weiß-wem/ wer-weiß-wo chatten – alleskein Problem! Toll, toll, toll! Den Globus bereisen mit leichtem Handgepäck.Die Welt ist ein Dorf! Ist sie das?Wir Deutschen gelten weithin als „Reiseweltmeister“. Die finanziellen Möglichkeiten,die vielen, aber bei Weitem nicht allen in unserem Land zur Verfügungstehen, sind ein Grund dafür, aber wohl auch ein ausgeprägtes Fernweh. Träumevon anderen Ländern, von Sonne, exotischen Landschaften. Andere Menschen,andere Regionen der Welt kennenzulernen, ist ja auch ein spannendesund lehrreiches Unterfangen; ein kluger Kopf hat einmal gesagt, dass Reisendas beste Mittel gegen Vorurteile sei. Ein anderer kluger Kopf hat über dasReisen aber auch gesagt, dass man seine eigene Welt immer mitnimmt. Reisenals Flucht vor sich selbst – das gelingt nicht. Sorgen und Belastungen reisen mit.Mir kommt diese Fernweh-Exotik-Romantik deshalb oft wie eine Flucht vor,eine Flucht auch vor der Banalität, dem Alltäglichen, das uns umgibt. Natürlichist es toll und lehrreich, fremde Länder und Kulturen kennenzulernen; natürlichsind Kontakte via Internet zu Menschen anderer Kontinente aufregend – dochdas darf uns nicht den Blick verstellen für den Ort, wo Gott uns hingestellt hatund wo wir eine Aufgabe haben. Leider sind manchmal auch die Kirchen vondiesem Besonderheits-Bazillus befallen. Doch ich kann nicht Christ sein nur aufKirchentagen oder auf dem Jakobsweg. Christ muss ich sein im Alltag, mag erauch noch so grau und dröge erscheinen.Zudem wird oft vergessen oder hinten angestellt: In den freien Tagen der Ferienbin ich auch eingeladen zu einer Reise in meine innere Weite, die im Alltagoft zu eng wird; zu einer Entdeckungsreise zu Gott, der manchen fremd,vielleicht sogar exotisch geworden ist. Gott neu oder wieder kennenlernen.Postkarten, die dieses Fernweh wecken können, gibt es viele: der Besuch einesGottesdienstes, ein Kapitel aus der Bibel, die Ruhe, in der ein Gebet in mir lautwird. Wobei Fernweh ja das falsche Wort ist: Gott ist mir doch immer ganz nahe– auch und gerade dann, wenn ich es nicht spüre.Jetzt sind wir wieder daheim angekommen, nach hoffentlich schönen sonnigenUrlaubstagen in den Sommerferien. Wie sieht’s da aus? Gelingt es uns, vonder zurückliegenden Auszeit etwas in den neu beginnenden Alltag zu übernehmen?Das will ich doch mal hoffen!

Ihr
Pfr. Ingo G. Walter