
Predigt im ökumenischen Gottesdienst anlässlich des „Festes am Windrad“
am 6. Mai 2012 im Festzelt am Windrad
Matthäus 27, 24.25
Dies ist ein Abschnitt aus der sogenannten Bergpredigt:
Jesus Christus spricht: „Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet.“
Liebe Gemeinde,
vielleicht hat der eine oder die andere sich vor diesem Gottesdienst die Frage gestellt, was die Kirche, was der Pfarrer jetzt bei diesem Anlass sagen will. Was will Kirche sagen, bei einem solchen Anlass, dass ein Windrad in Betrieb genommen werden soll – zumal ja eben nicht die ganze Bevölkerung, die ganze Gemeinde oder auch nur alle Christen am Ort darüber uneingeschränkte Freude empfinden, sondern so manche den Bau dieses Windrades auch kritisch sehen. Was soll der Pfarrer nun dazu sagen?
Nun – eigentlich ist das, wie so manches andere Problem, ganz einfach. Es geht ja nicht darum, was ich heute sagen will, sondern darum, was die Botschaft des Evangeliums uns heute zu sagen hat. Und das, was ich heute als evangelischer Pfarrer von Großingersheim zu sagen habe, ist ganz einfach und klar: Es gilt von Gott zu reden, von dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, der in Jesus Christus unter uns Menschen kam, der als Heiliger Geist unsere Herzen anrühren und verändern will. Und zu diesem Glauben bekennen wir uns ja immer wieder, wenn wir im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis sprechen.
Von Gott gilt es zu reden, denn dieser Glaube ist das Fundament unseres Lebens. Auf dieser Grundlage können wir unser Leben aufbauen und so können wir den richtigen Weg finden.
Derzeit bin ich ja für einige Zeit mit meiner Frau in Berlin – und Berlin ist ja schon eine eigenartige Stadt. Ich will das jetzt nicht näher ausführen, da gäbe es ja manches zu sagen, aber da liegen so einige Themen in der Luft, die in den theologischen, philosophischen und politischen Kreisen diskutiert und verhandelt werden. Ich empfinde das so, dass die Frage deutlich im Raum steht: Wohin geht die Reise? Wohin wird sich dieser Staat, wird sich diese Gesellschaft bewegen? Da ist vieles offen und unsicher. Da ist viel mehr im Fluss, als wir das vielleicht in Ingersheim empfinden.
Ich möchte sagen, dass es dabei immer wieder ein Thema ist, wie wir leben, wie wir mit dieser Welt umgehen, wenn sich alles auflöst, wenn das nicht mehr gilt, was einmal so fest stand. Ja - das ist manchmal so etwas wie eine Endzeitstimmung da und es werden plötzlich wieder Bücher von Autoren gelesen, die in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg so eine Endzeitstimmung verbreitet haben. Was hält das Unheil auf? - oder besser: Wer hält das Unheil auf. Wie gilt es jetzt zu leben? Was gilt es zu hoffen, wenn die Zukunft so dunkel und unsicher vor einem steht?
Da ist das Entscheidende , und das ist meine Überzeugung, dass wir in dieser Situation von Gott reden, dass wir uns die Zukunft nicht rauben lassen, sondern diesem Gott vertrauen, uns zu ihm bekennen, zu diesem Gott, der die Zukunft in seiner Hand hält und sie wie ein weites und offenes Land vor uns hinlegt.
In einer Stadt wie Berlin, in der 20% der Bevölkerung evangelisch sind und 10% katholisch und die andern 70% einem weiten Spektrum von Religion oder Nicht-Religion angehören, da ist man als evangelischer Pfarrer schon eine Art von Exot. Bei manchen Leuten habe ich das Gefühl, dass sie Pfarrerinnen und Pfarrer- wenn überhaupt – dann nur aus dem Fernsehen kennen. Und so kommt es dort – und auch hier - darauf an, von diesem Gott zu reden, der zuletzt alles in seiner Hand hält.
Dietrich Bonhoeffer, ein Theologe und Pfarrer, der am Widerstand gegen Hitler beteiligt war und darum sein Leben lassen musste, sprach von den letzten und von den vorletzten Dingen, die es zu unterscheide gelten. Die letzte und die entscheidenden Fragen sind die wichtigsten. Das sind die Fragen nach Gott, nach dem Glauben, nach der Bekehrung und dem ewigen Leben. In diesen Fragen gilt es deutlich und mit Entschiedenheit zu reden.
Dann – so sagte Bonhoeffer – gibt es die vorletzten F ragen. Da geht es um die Fragen nach der Welt, in der wir leben, wie wir miteinander umgehen, welche Politik und welche Wirtschaft wir haben wollen.
Das sind nicht die letzten, sondern die vorletzten Fragen. Das sind nicht die zuletzt entscheidenden und wichtigen Fragen, aber das sind die, die eben auch wichtig sind. Sie sind auch wichtig und wir als Christinnen und Christen sind dazu aufgerufen und aufgefordert, gute und verantwortliche Entscheidungen in diesen Fragen zu suchen und zu treffen. Da sind wir nicht fehlerlos. Da sind wir manchmal unsicher. Da sind wir ganz bestimmt auch nicht immer einer Meinung, aber bei diesen Fragen können wir auch nicht sagen: „Das geht mich, das geht uns nichts an.“
Und zu diesen vorletzten Fragen gehört die nach unserer Energiepolitik und nach dem Windrad und dazu gilt eben auch etwas zu sagen.
Es ist etwa 25 Jahre her. Damals wurde in Neckarwestheim der 2. Block des Kernkraftwerks gebaut oder in Betrieb genommen. Ich weiß es nicht mehr genau. Meine Frau und ich waren dort bei einer Demonstration, von der damals viele sagten: „ Das ist doch jetzt sinnlos. Das Ding geht in Betreib. Das ist - wie man heute sagt - unumkehrbar. Das ist entschieden und durch die Gremien und Gericht durchgegangen und die Fachleute sagen das und das und so weiter und so fort“.
Also wir demonstrierten trotzdem, ich weiß nicht mehr ob anlässlich des Baubeginns oder der Inbetriebnahme. Dann kamen Leute vom Fernsehen und hielten mir ein Mikrophon und hin und fragten mich, warum ich den jetzt immer noch demonstrieren würde, wo doch alles entschieden und beschlossen sei. Ich dachte mir: „Jetzt oder nie!“ und erklärte, dass ich hier stehe und demonstriere, weil ich eben dagegen sei und den Bau von Atomkraftwerken für den definitiv falschen Weg halten würde und der Überzeugung sei, dass unsereins deutlich seine Meinung sagen müsse, und dass ich die Atomenergie ablehne.
Ich war dann schon unruhig, wie das in der Gemeinde ankommen wird, wann der Pfarrer so beim Demonstrieren im Fernsehen kommt. Ich war ja damals noch jung und nicht so lange am Ort. Das konnte ja Ärger geben.
Ich ging also am Tag drauf an der Schule vorbei und traf einige Kinder, die schon von Weitem riefen: „Herr Harr, mir hend Sia im Fersäe gsä.“ Dann traf ich eine ältere Dame, die zu mir sagte: “Sehr gut haben Sie da gesprochen. Wir sind ja zu alt zum Demonstrieren, aber Sie demonstrieren für uns. Richtig so.“ Ich atmete auf, zumal in den nächsten Tagen viele mir gegenüber ihre Zustimmung zu dem, was ich gesagt hatte, ausdrückten und ihre Besorgnis wegen dieses Ausbaus des Kernkraftwerks in Neckarwestheim und überhaupt der Erzeugung von Atomstrom. Es gab nur eine Stimme, die mir sagte: „Ich denke, dass wir die Atomenergie schon brauchen.“
Wie gesagt: Hier geht es um vorletzte Dinge, aber auch in diesen Angelegenheiten gilt es für uns, verantwortliche Wege zu suchen. Und ich denke und meine, dass dieses Windrad durchaus ein wichtiger Schritt ist, einen Beitrag zu einer verantwortlichen Erzeugung von Energie zu tun.
Der Strom kommt zwar aus der Steckdose, aber wie kommt er da hinein? Und dass die atomare Erzeugung von Strom ein Irrweg ist, das konnte man schon lange vor den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima wissen. Dazu hätte es dieser Katastrophen nicht bedurft. Es ist schlimm genug, dass es erst diese beiden Katastrophen geschehen mussten, um in unserem Land in der Energiepolitik die nötige Wende herbeizuführen.
Nicht überall, wo ein Bagger steht, müssen wir darüber glücklich sein. Es ist wichtig, mit Sinn und Verstand zu bauen. Wir wollen dankbar sein, dass bei diesem Bau bei allen Risiken keine Unglücksfälle geschehen sind. Wir werden auch nicht dieses Rad segnen. Wir wollen hoffen, dass es ein Schritt ist, hin zu einer vernünftigen, verantwortlichen und zukunftsweisenden Energiepolitik.
Dass so viel Bürgerbeteiligung dahinter steckt, zeigt ja auch, dass wir das als unsere Aufgabe begreifen können und wir als Christinnen und Christen gleichsam als Pfadfinder auf dem Weg in die Zunft vorangehen können und dürfen.
Der Spruch stammt zwar nicht von Martin Luther, ist aber trotzdem gut: “Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen.“
Dazu möchte ich sagen: So ein Apfelbäumchen kann auch dieses Windrad sein – als ein Zeichen, dass wir die Zukunft nicht aufgeben, sondern unser Gott diese Zukunft wie ein weites Land vor uns hinlegt.
Ich möchte das deutlich sagen, dass, wenn wir diesen Glauben an Gott ergreifen, wenn wir unseren Weg mit Christus gehen, dann wird vieles möglich. Dann gibt es kein Unumkehrbar mehr, kein Basta, das ist schon alles entschieden, kein „Da kann man eh nichts machen.“ Wenn wir den Glauben an Gott mutig ergreifen, dann werden immer neue Schritte und Wege zum Besseren möglich. Und darum dürfen wir diesen Glauben mutig ergreifen und uns leiten lassen vom Geist Gottes, der Glaube und Hoffnung und Liebe in unsere Herzen legt.
Amen
Predigt von Pfarrer Michael Harr