Die Großingersheimer Martinskirche

Martinskirche Grossingersheim

Martinskirche Großingersheim

Die Kirche hat ihren Namen vom Heiligen Martin, einem römischen Soldaten und späteren Bischof von Tours (Frankreich). Dieser lebte im 4. Jahrhundert und war der Schutzheilige der germanischen Franken. Von ihm erzählt man, er habe an einem kalten Wintertag seinen Mantel mit einem Bettler geteilt, in dem ihm Jesus Christus begegnete. Durch diese Tat wurde Martin zum Vorbild christlicher Nächstenliebe.

Das Alter der Kirche lässt sich nach einer dendro-chronologischen Untersuchung im Jahre 2001 genauer bestimmen. Der Westturm bis zu den zugemauerten Schallarkaden stammt aus der Zeit 1180/81.
Der untere Teil der Südwand ist romanisch und stammt ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert. An der Südwand sind noch gut ein jetzt zugemauertes romanisches Fenster und darunter die Reste einer Sonnenuhr zu erkennen.

Die schießschartenähnlichen Fenster an der unteren Hälfte des Turmes erinnern daran, dass es sich um eine alte Wehrkirche handelt. In Kriegszeiten suchten die Dorfbewohner Schutz in der Kirche und in dem ummauerten Kirchhof.

Im Spätmittelalter kam es zu einem großen gotischen Umbau der Kirche. Dabei wurde der Chor errichtet. Sein Dachwerk wurde 1457/58 abgezimmert.
Das ursprünglich romanische Langhaus wurde umgebaut und dabei nach Norden zu auf das Doppelte verbreitert. Sein Dachstuhl wurde 1459/60 abgezimmert.
Im Zuge dieses Umbaus wurde auch der Turm auf seine jetzige Höhe aufgestockt.
Die Kirche hat eine Reihe gotischer Bauelemente (z.B. Spitzbogenfenster), wurde aber später verschiedentlich umgebaut (sichtbar an den unregelmäßig angeordneten Fensteröffnungen).

Die vielen eingegrabenen Jahreszahlen aus der Zeit zwischen 1600 und 1621 erinnern an den großen Umbau in dieser Zeit, der durch den bekannten Baumeister Schickhardt veranlasst wurde. Damals wurde auch der künstlerisch besonders wertvolle und in seiner Art einmalige Emporenaufgang an der nördlichen Außenseite der Kirche geschaffen.

Die Kirche ist jedoch älter, als der jetzige Bau erkennen lässt. Die Lage auf dem in das Neckartal vorragenden Bergvorsprung, die Benennung nach dem Schutzpatron der Franken und schließlich die Tatsache, dass während des Mittelalters die Kirche ein Mittelpunkt für andere Dörfer in der Nachbarschaft war, sprechen dafür, dass die Anfänge der Kirche bis in die frühen Zeiten des Christentums in unserer Gegend zurückreichen. Nach dem Sieg der Franken über die heidnischen Alemannen drang das Christentum im 6.Jahrhundert in unseren Raum vor. Schon bald mag in Großingersheim eine Holzkirche gestanden haben. Eine Urkunde aus dem Jahr 779 setzt den sicheren Bestand des Christentums in Ingersheim voraus.

Im frühen Mittelalter hatten das Eigentumsrecht an der Pfarrei höchstwahrscheinlich die Grafen von Ingersheim-Calw oder die Freiherren von Ingersheim, von denen die Pfarrei auf irgendeinem Weg an die Markgrafen von Baden überging. Der Hauptpfarrer hatte den sonntäglichen Gottesdienst zu halten, und sechs Kapläne lasen ihre Messe an den Nebenaltären oder in den Kapellen zu Kleiningersheim und Geisingen.

Die Reformation wurde in Großingersheim früh durchgeführt. Nach der Rückkehr von Herzog Ulrich wurde 1535 der erste evangelische Pfarrer Johann Engelmann nach Großingersheim berufen. Später wurde er in Mömpelgard Hofprediger bei Herzog Christoph. Während des dreißigjährigen Krieges und zur Zeit der Franzoseneinfälle 1693 haben der Ort und auch die Kirche sehr gelitten.

Im zweiten Weltkrieg wurde die Kirche bei einem Luftangriff auf Großingersheim schwer beschädigt. In den folgenden Jahren mussten die Decke und die Fenster erneuert werden. Auch der Turm, der schon in früheren Jahrhunderten durch Blitzschlag gelitten hatte und bei dem Bombenangriff 1944 neue Risse erhielt, musste befestigt werden.

Die Sehenswürdigkeiten der Kirche

Wandmalereien im Chor
Bei der Kirchenrenovierung 1961/62 wurden unter dem Verputz Wandmalereien aus der Zeit um 1600 entdeckt und im Chor freigelegt. An der Nordseite erkennt man 13 Apostel mit ihren typischen Insignien (auch Paulus ist dabei), darüber David mit der Harfe und Jubal mit der Zither (nach 1. Mose 4,21 ist er der Erfinder der Musikinstrumente).
An der Südseite sieht man das Volk Israel in der Wüste. Vor der Zeltstadt werden Manna und Wachteln gesammelt, rechts steht Mose, dahinter Aaron (2.Mose 16). Es ist eine Seltenheit, dass nach der Reformation Bilder aus dem Alten Testament gemalt wurden. Darüber in einem Bogenfeld ist die himmlische Welt  dargestellt: In der Mitte Gott Vater, darunter musizierende Engel, einer von ihnen (Luzifer?) wird in die Tiefe gestürzt.
Die Ummalung der Chorfenster und die sehr schöne Rollwerkbemalung um den inneren Chorbogen geben dem Raum sein Gepräge.
Im Gewölbe sind feine Blumenmotive und eine Abbildung der vier Evangelisten. Die Schlusssteine tragen die Wappen von Baden und Württemberg (beide Fürstenhäuser hatten im Mittelalter Besitzungen und Rechte in Großingersheim), und auf dem dritten ist das Lamm Gottes abgebildet.

Die Tür an der Nordseite
Besonders schön ist die mit Schmiedeeisen beschlagene Tür aus dem 15.Jahrhundert.

Das Chorgestühl
Ebenfalls aus dem 15.Jahrhundert stammt das gotische Chorgestühl, wenngleich das jetzige Gestühl eine Kopie ist. Hier saßen die Kapläne, deren es damals immer mehrere zugleich gab, während des Gottesdienstes.

Das Altarkreuz
Der Kruzifixus wurde 1962 von Bildhauer Steiner aus dem Holz einer alten Eichensäule aus dem 17.Jahrhundert geschnitzt.

Der Taufstein
Der Taufstein, der bei der Renovierung einen Kupferdeckel erhielt, stammt aus der Zeit nach dem 30jährigen Krieg (17.Jahrhundert).

Die farbigen Chorfenster
Die im Krieg beschädigten Chorfenster wurden 1962 durch neue ersetzt. Kunstmaler Kohler aus Stuttgart hat die drei großen farbigen Chorfenster entworfen und gestaltet.
Das mittlere Fenster zeigt den auferstandenen und wiederkommenden Christus auf dem Weltenmeer. Zu seinen Füßen sieht man das Schiff der Kirche.
Das Thema des linken Fensters ist der Turmbau zu Babel. Die Auflehnung der Menschen gegen Gott sowie das Niederfahren Gottes gegen die Empörer ist hier wiedergegeben.
Das Gegenstück dazu bringt das rechte Fenster, welches das Pfingstgeschehen verdeutlicht. Die Einmütigkeit der von Gottes Geist erfüllten Menschen sowie der Gedanke der Weltvollendung, dargestellt durch die zwölf Tore des himmlischen Jerusalem, sind hier sichtbar.

Die Orgel
Der Prospekt der Orgel stammt aus der Barockzeit (18.Jahrhundert). Bei der Erneuerung der Orgel 1962 erhielt sie 16 Register mit 1100 Pfeifen.
Bei der Erneuerung im Jahr 1985 ist der Prospekt der Orgel unverändert belassen worden, während die Pedalpfeifen, die 1962 außerhalb der Orgel aufgestellt worden waren, mit eingebaut wurden, außerdem wurde das 2.Manual erneuert.

Das Geläute

1965 erhielt die Kirche vier neue Bronzeglocken mit den Tönen f-as-b-des.

Renovierungen und Sanierungen

Stand November 2015
Es ist schon mehr als ein Vierteljahrhundert her, dass die Großingersheimer Martinskirche zuletzt einer größeren Renovierung unterzogen wurde. In der Zwischenzeit hat sich der Kirchengemeinderat regelmäßig mit der Bauunterhaltung befasst. So wurde besonders das Dach der Kirche gründlich saniert und es wurde ein neues Fundament unter die Sakristei gesetzt.
Dass nun wieder eine größere Baumaßnahme nötig wird, ist verursacht durch die Heizung. Sie stammt aus den 50-er-Jahren und ist nicht mehr wirklich zuverlässig und betriebssicher. Sie bedarf dringend einer grundlegenden Erneuerung. Im Übrigen hat sich erwiesen, dass die letzte größere Renovierung und die Arbeiten, die seither stattgefunden haben, von zuverlässiger und beständiger handwerklicher Qualität gewesen sind. Auf ihnen kann jetzt aufgebaut werden.
Das Denkmalamt fordert nun von der Kirchengemeinde, dass im Rahmen dieser Arbeiten an der Heizung auch die Malereien einer gründlichen Reinigung und Sicherung unterzogen werden.
Diese beiden Arbeiten, Heizung und Sicherung der Malereien, sowie eine Überarbeitung der Beschallung und andere Arbeiten belaufen sich auf einen geschätzten Betrag von 313.000 Euro, von denen rund 60.000 Euro durch Opfer und Spenden aufzubringen sind.
Vorgesehen ist die Durchführung der Baumaßnahmen nach den Konfirmationen des Jahres 2017. In dieser Zeit werden die Gottesdienste im Gemeindehaus stattfinden.

Sanierungsarbeiten 2008
Wie unschwer am Gerüst an der Kirche zu erkennen war, wurde seit Ostern wieder an unserer Martinskirche gearbeitet. Da die Dachkonstruktion bereits seit einigen Jahren auf die Südwand des Kirchenschiffs gedrückt hatte, wurde im vergangenen Jahr bereits die Südseite saniert und die Unterfangung der Sakristei begonnen.
Die Arbeiten an der Sakristei sind nun weitgehend abgeschlossen und es stehen lediglich noch die malerseitige Schließung der Risse sowie einige Steinmetzarbeiten aus. Diese sollen allerdings erst erfolgen, wenn sichergestellt ist, dass alle Setzungen abgeklungen sind.
Während der Sanierungsarbeiten des Dachstuhls auf der Südseite wurde bei genauer Untersuchung und Beseitigung von Schutt und Staub der vergangenen Jahr(hundert)e festgestellt, dass die Auflager des Daches auch auf der Nordseite und im Chor stark von Schädlingen befallen waren und es teilweise bereits zu deutlichen Setzungen des Dachstuhls gekommen war.
Diese Bereiche wurden nun in den vergangenen Monaten saniert und weitere konstruktive Mängel im Dachgebälk behoben. Stück für Stück werden die Auflagerhölzer und Sparrenköpfe entfernt und durch gesunde Hölzer ersetzt. Es konnten immer nur in kleinen Abschnitten die Deckenbalken und Sparren in Abschnitten von 1-2 m Breite ausgetauscht oder saniert werden, um die Stabilität des Daches nicht zu gefährden. Die Arbeiten konnten nun fast planmäßig abgeschlossen werden.
Während der Ausführung wurden jedoch trotz sorgfältiger Voruntersuchung weitere Schäden entdeckt. Diese bewegten sich glücklicherweise noch in einem tragbaren Rahmen, so dass auch der Etat von rund 160 000.-- € nur geringfügig überschritten wurde – nach 550 Jahren ist dies eben leider nicht ganz auszuschließen.

Wir möchten uns an dieser Stelle ganz herzlich bei all denen bedanken, die bisher mit ihrem Engagement und Geld die umfangreiche Sanierung großzügig unterstützt haben und freuen uns angesichts der großen Maßnahme auch weiterhin über jeden Beitrag.

(August 2008 - Text: Mathias Orth)


Arbeiten 1997

Bei der Erneuerung des Kirchenvorplatzes wurde im Pflaster ein Labyrinth verlegt, in dessen Mitte auf einer Metallplatte das Christus-Symbol „A und O“ dargestellt ist. Dieses gotische Stilelement des Labyrinths lädt ein zur Einkehr bei Christus und zur Umkehr zu einem neuen Leben mit ihm.
Bei diesen Arbeiten wurde auch das Untergeschoss des Kirchturms neu gestaltet. Dort ist der jetzt zugemauerte romanische Kircheneingang zu sehen.

Innenrenovierung 1988

Bei der Renovierung der Kirche im Jahr 1988 wurde folgendes festgestellt:
Die nach der Untersuchung freigelegten Malereien am Chorbogen und den Fenstern im Schiff (Südseite) sind aus der Zeit um 1600. Die Malereien zeigen in ihrer Eigenheit verschiedene Formen von Architektur- und Rankenmalerei, wie sie selten zu finden ist. Die Farbigkeit geht von dunklem Grau bis gebrochen Weiß und Mennige. Nach der Gesamtuntersuchung des Kirchenschiffs wurde festgestellt, dass alle Wände (außer Turmwand-Ost) bemalt waren. Durch Umbau und Sanierungsarbeiten und zuletzt durch unsachgemäßes Vorgehen bei der letzten Renovierung 1961/62 wurde vieles zerstört, deshalb konnte die Gesamtheit der Malereien nicht mehr erhalten werden. Die Ausführung der restaurierten Malereien wurde wie ursprünglich in Kaseinfarben ausgeführt.
Die Decken- und Wandmalereien wurden nach gründlicher Reinigung farblich eingestimmt und konserviert.